Zwei Augen, zwei, vier Füsse, Flügel, Blicke und Knochen, die Ähnlichkeit und die Fremdheit der Geschöpfe.

Meine Schreibstube geht auf den See hinaus. Zwischen Zweigen von zu hoch gewucherten Büschen, die mir im Sommer die Sicht nehmen, blick ich auf silbernes glänzendes Wasser, auf abgestellte Segelschiffe mit Schnee auf den Schutzdecken und einem in den Himmel stechenden Mast. Dazwischen das Volk der Enten, Schwäne und Möwen. Dann und wann fliegt eine auf und landet wieder. Fussspuren im Schnee gehen bis ans Ufer. Auf den Zweigen liegt dünnes Weiss. Ich habe ein Glücksgefühl im Körper, vielleicht weil ich am See entlang im Schnee gegangen bin. Ein Fuss vor den andern. Frauen mit dicken Mützen, Männer mit Hunden kamen mir entgegen. Ein dunkler Schäfer sprang nach Wölkchen von Schnee, die seine Herrin mit dem Schuh in die Luft warf. Ein grosser Bernhardiner blickte mich an, als wollte er etwas von mir wissen, und wurde von seiner Herrin am Halsband zurückgehalten.

„Warum bin ich nicht in allen Köpfen, nur in meinem Kopf?“ Als ich das schrieb, habe ich Menschenköpfe gemeint, aber wenn mich ein Hund so ansieht, meine Katze zu mir hochblickt, weiss ich, dass ich auch all die andern im Sinn habe. All die, die aus zwei Augen blicken. Die Hunde, die Fische im See, die Kraken. Und nicht nur die, auch die mit hunderttausend Facettenaugen. Im Kopf einer Fliege zu sein, wenn sie, die Beine nach oben, nach rasendem Flug an der Decke landet. Im Kopf einer Spinne, die an ihrem Faden hängt, eines Maulwurfs, tief unten in seinem Bau.

Bei dem kleinen Zürichseeschiff, das ewig schon im Hafen Wollishofen vor Anker liegt und von dem dicke Schneetücher schon fast fallend in einer kühnen Kurve vom Deck hingen, paddelten die Enten und Blässhühner eifrig im Wasser herbei, hoben die Schnäbel und liessen ihr vorwurfsvolles Bettelquaken hören. Diese winzigen, mit farbigen Rändern gesäumten Entenaugen haben etwas Fremdes und zugleich Vertrautes. Ich weiss, wer sie sind, diese Entengeschöpfe und hab doch keine Ahnung, wie ihre Welt ausssieht. Die Hundeblicke, der Blick des Tigers, hinter Gitterstäben im Zoo, die Art, wie eine Katze den Kopf wendet nach einem Passanten und dann die Strasse quert, als wäre sie eine Menschenfrau, die drüben was zu tun hat. Sie haben alle was zu tun. Mit zwei Augen wie wir sehen sie – die meisten von ihnen – in die Welt, gehen auf Füssen wie wir, und betreiben ernsthaft ihr Geschäft. Das Geschäft des Lebens. Warum erschrecken wir nicht täglich vor dieser Vertrautheit und Ähnlichkeit, die zugleich unüberwindbare Ferne ist? Ich erschrecke und es lässt mich nicht los. Es ist, als wollte man mich narren. Dieses Versteckspiel, diese Vertrautheit.

Ich seh, wie das Hinterbein eines Hundes leise vibriert, wenn er steht, schon gespannt ein wenig, weil er jetzt gleich aufspringen wird. Die Sehnen sichtbar unter dem Fell, die paar Haare, die, unbeachtet von ihm, fixiert von mir, den Boden berühren. Ich fasse meiner Katze an den Rücken und fühle darunter die einzelnen Wirbel, die Rippen, das Herz das klopft, die Muskeln am Hals, die sich spannen, wenn sie den Kopf bewegt. Sie sagt kein Wort zu mir, nie sagt sie was. Und wenn ich nicht aufpasse, wenn ich vergesse, dass zwischen uns diese unüberwindbare Artenschranke liegt, dann bin ich irgendwie beleidigt. Sie denkt was von mir und ich werde nie wissen was sie denkt.

Zwei Augen, zwei Füsse, vier Füsse, Zehen und Gelenke. Ich weiss eigentlich schon, wie es sich anfühlt, einer dieser Vierbeiner zu sein, mit der Vorderpfote aufzutreten, die Hinterpfote nachzustellen. Ist es so wie ich es mir denke, wenn man mit sechzig, siebzig Stundenkilometern dahinfegt, – ein Windhund, ein Gepard – und bei jedem Sprung die Hinterbeine neben den Vorderbeinen nach vorne wirft, einen Moment lang ganz in der Luft schwebt. Ist es so, wie ich mir denke, dass man sich fühlt, wenn man mit ausgebreiteten Flügeln (Armen) über einem Schiff dahinfliegt, von Zeit zu Zeit träge ein wenig die Flügel bewegt, den Kopf, wie die schwarzköpfigen  Möwen bei uns das tun, nach da, nach dort dreht, um unter sich auf dem Deck etwas genauer ins Auge zu fassen? Warum rührt mich das, wenn ich beobachte, wie eine Möwe um sich blickt von ihrem Platz in der Luft aus, mit einer Selbstverständlichkeit als wäre sie irgend eine menschliche Person?

Die Knochen in unseren Beinen, die Rippen, unter denen mein Herz schlägt, habe dieselbe Grundstruktur wie diejenigen irgendeines Säugetiers. Der Knochen unter Plastikfolie im Regal im Supermarkt mit den weisslichen Fetzen am Gelenk, der Rundung, dort wo er in der Gelenkpfanne sich gedreht hat. Ich gebe ihn dem Hund meiner Freundin und sie setzt sich hin, die Hinterhand platt auf den Boden gedrückt, zerknackt ihn, kaut und schmatzt und dreht ihn. Der Teil eines Körpers, der dem meinen gleicht, dem ihren. Ich denk mir die Knochen meines Vaters, sein Grab ist aufgehoben seit einigen Jahren, dieses Grab, das ich nie besucht habe und ich sehe ein paar Knochen, zwischen Erde gebettet, die Gelenkpfanne der Hüfte, vielleicht ein Fingerknöchelchen, schon etwas in Unordnung geraten alles, der Kopf mit den Augenhöhlen gekippt und von den Halswirbel getrennt, verkrustet von vom Regenwasser nasse Erde.

Manchmal, wenn ich sitze und in Gedanken bewusst dem Gefühl in meinen Gliedern nachgehe, ist mir mein Skelett bewusst, weiss ich, wie die Haut über meine Wangenknochen gespannt ist, ahne wie in meinem Bauch sich rotglänzend und weich die Därme, der Magen, bewegen. Rotglänzend, wie die Höhle eines verwunschenen Raums wirken die Innenseiten der Därme, wenn sie sich auf dem Bildschirm bewegen. Ich drückte auf den Bauch eines fetten älteren Mannes, die Haare unter seinen Armen waren feucht an die speckige Haut geklebt. Er blickte zu mir auf und biss sich auf die Lippen, um nicht zu stöhnen, während der Arzt die Schläuche durch seinen Mastdarm weiter nach oben schob. Auf dem Schirm fuhren die roten Ringe, die kleinen Zotten seines Darms vorbei, schloss sich die Öffnung zum Magen und tat sich wieder auf. Gurgelte in heller Flüssigkeit noch ein Rest des Inhalts an der Linse des Apparats vorbei, die dann anhielt, vor einem kleinen roten Punkt auf der Darmwand, ihn wieder verlor und noch einmal zurückkam. Und der Arzt schwieg und drückte ab, und auf dem Schirm war das Bild erstarrt, geknipst, für die weitere Diagnose, die Krankengeschichte.

Eingeweide. Körperinneres. Wenn die Jäger eine erlegte Gemse, einen Hirsch ausweiden, wenn der Störmetzger die getötete, entborstete Sau aufschneidet, quillt dieses weiche glänzende Innere, bläulichweiss und alle Nuancen von strahlendem Rot heraus. (Wo hab ich das alles nur gesehen, im Film vielleicht, im Fernsehen? Oder damals, vor Jahren in Boden bei Guttannen, als ich Praktikantin war? Denn ich kenne den Geruch. Die dampfenden Eingeweide, und dieser Geruch sind Erinnerungen an diese Saumetzgete und das Bild der Sau, wie sie leicht wackelnd daherwatschelte, wie die rosa Ohren über den Augen wippten, wie die bewegliche Schnauze sich drehte, der Kopf sich hob. An den Augenblick des Tötens erinnere ich mich nicht mehr. Da kommt ein anderes Bild dazwischen, aus späteren Zeiten. Von der Schlachtung eines dieser schlanken dunklen Schweine, die unter den tausendjährigen Eichen in der Extremadura sich an den Eicheln sattfressen. Ich war auf Reportage einige Tage nach dem Tod meiner Mutter. Die Sau lag seitlich auf einem Tisch in einem kleinen Vorgarten. Zwei junge Männer hielten sie an den Beinen und der dritte stach mit einem riesigen Messer in ihren Hals. Die Beine zuckten, die jungen Männer hielten sie, besorgt, fast liebevoll wie man einen Patienten hält, bis alles vorüber war. Das Töten hatte nichts Schreckliches. Der seltsame Geruch aus den dampfenden Eingeweiden, den ich schon kannte, nur liess mich ein wenig den Atem anhalten. Jetzt zögere ich doch, einen Satz anzufügen, den ich in meinem Kopf schon geformt habe. Warum zögere ich? Er ist ganz einfach, dieser Satz, ein kleiner Fragesatz: Ich möchte wissen, ob , oder nein, ich denke, dass es ganz ähnlich riecht, dass es genauso dampft, wenn man die Eingeweide eines frisch gejagten, frisch geschlachteten Menschen aus der Bauchhöhle räumt. Das Herz eines geopferten Indios – dieser Satz ist jetzt eher leichter auszusprechen. Das Bild ist weit weg aus einer andern Kultur aus einer zurükgelegten Vergangenheit geholt. Aber ich hätte einen andern anfügen können, einen, der den ersten Satz, die Grenzüberschreitung noch akzentueirt, statt sie mildert: Meine eigenen Eingeweide, die meines Sohnes, die der Leserin oder des Lesers würden genau so dampfen, genau so riechen.

Ich habe das Gefühl, ich hätte einen Schritt in einen Abgrund getan. Dabei sind es nur Worte. Ich habe ein Tabu, das auch in meinem Kopf ist, verletzt und ich erschrecke über mich selbst. Und doch halte ich mich zurück, weigere mich, das zu tun, was ich jetzt instinktiv am liebsten tun würde. Mit der Maus die Zeilen da oben anstreichen und auf die „delete“ taste drücken. Ich tue es nicht. Warum? Weil ich auch hier zu ende denken möchte. Nicht zu ende handeln, das nicht, zu ende denken. Aber sind Zeichen auf dem Bildschirm, sind Worte, sind die Bilder im Kopf, die sie auslösen können, keine Handlung?

Ich habe das Bild des toten Hundes, dieses riesigen Berner Sennenhundes, den man vor unserem Haus eingeschläfert hat als ich ein Kind war, (wenn das wirklich stimmt) als ein prägendes Erlebnis im Kopf. Ich konnte meine erste Katze, als sie überfahren auf der Strasse lag, nicht aufheben und in den Abfallsack stecken. Die Gehirnschale war aufgeknackt, Hirnmasse und Blut war herausgespritzt. Obschon ich so so oft schon Muskelfleisch von Kühen und Rindern, deren bewimperter dunkelbrauner Blick, deren behaarte schöne Ohren mich immer so bezaubern, mit scharfem Messer schneide, bevor ich es brate, konnte ich die Katze nicht berühren. Auch mein Lebenspartner, der Arzt ist, konnte es nicht. Die Mitbewohnerin, die die Katze auch liebte, hat es getan. Sie ist stolz darauf, dass sie das alles kann. Als ich das Meerschweinchen meines Sohnes, in seiner grünen Plastikkiste auf dem Balkon vergessen hatte, ( Es war Oktober und in der Nacht fror es zum ersten mal und nicht nur das Trinkwasser in der Kiste, auch das Tier war hart gefroren), konnte ich das tote Tier nicht anfassen. Ich kann Schlangen anfassen, ich rette Blindschleichen im Garten vor der Katze, nehme sie ihr aus dem Maul und trage sie ins Gebüsch, ich fange Spinnen mit der Hand und Regenwürmer, ich sammle Nacktschnecken mit blossen Händen ein. Aber als eine plattgedrückte Maus, die sich wohl schwerverletzt hierhin vor der Katze geflüchtet hatte, unter dem Teppich hervorkam, schon getrocknet und geruchlos, musste ich allen Mut zusammennehmen, um sie mit dem Wischer und Schaufel wegzuschaffen. Das Unbewegliche, das Tote, ist es das, was mich schreckt und warum? Die Augen der Forellen, die ich in Butter brate und die langsam, wenn das Eiweiss gerinnt, blind werden, zu weisslichen Punkten, kann ich kaum ansehen? Mich schaudert vor dieser Verwandlung. Die geronnenen Fischaugen als Augen des Todes?

Die Leiche meiner Mutter, die Leichen meiner Tanten unter Glas – die Köpfe von Rosen umgeben im Guckfenster der Särge – die schrecklich abgemagerte unkenntliche Leiche meines Vaters vor dreissig Jahren auf seinem Krankenbett – sie alle sehe ich noch vor mir, ohne ein Gefühl des Schreckens dabei zu empfinden. Doch ich hab sie nicht angerührt und sie hatten die Augen zu. Sie haben mich nicht angeblickt.

Ich bin von den Augen der Lebendigen ausgegangen und beim Tod gelandet. Beim Fleisch, beim Darm, bei den Knochen, die wir gemeinsam haben. Bei den Bewegungen, der Art, wie alles pulsiert in uns, der Art, wie wir nach Bekannten uns umblicken. Wir alle, die Vierbeiner, die Zweibeiner und Zweiflügler, die mit dem warmen Blut, ja sogar die Frösche mit der schimmernden Haut, die wechselwarmen also, wir sind uns ähnlich. Wir und sie.

Sie blicken uns mit zwei Augen an, sie blicken in unsere beiden Augen. Sie schliessen Lider und öffnen sie wieder. Sie biegen ihre Glieder an den Gelenken, sie öffnen ihre Münder und verleiben sich Nahrung ein. Offene selbstorganisierte Systeme sind wir. Alle vergleichbar. Alle stabil und von wunderbarer Vieflfalt und Kompliziertheit. Alle so verwundbar, durch einen Schuss, einen Stich, einen Schlag zum Stillstand zu bringen. Ganz plötzlich. Oder auch ganz langsam. Die Gelenke, die sich in ihren Pfannen allmählich abnutzen, die Rücken, die jedes Jahr ein wenig steifer werden. Irgendein Mechanismus, der im Hirn erlahmt, eine Zelle, die plötzlich wuchert. In mir, in meiner Katze, die jetzt jedesmal besorgt mit den Augen die Höhe abmisst, die sie mit einem Sprung (aber dazu hat sie kaum mehr die Kraft) auf den Schoss zu überwinden hat.

Weiche, offene blubbernde, sich windende rennende Systeme. Wir sind wie sie und sie sind wie wir. Vergänglich und schön und jetzt in diesem Augenblick noch da.