Zwei Augen, zwei Ohren …

„Warum bin ich nicht in allen Köpfen, nur in meinem Kopf?“, hab ich als Kind manchmal gedacht. Im Kopf all der andern Menschen, deren Blick mir Rätsel aufgab. Wenn ich mit der Katze spielte im Gras vor dem Haus, hätte ich gern gewusst, was sie dachte. Und diese Frage ist auch dann und wann wieder da, wenn mein Hund sich nach mir umsieht, den Kopf dann dreht nach einem Geräusch.

Zwei Augen hat er, zwei Ohren, wie ich. Wie all die andern. So viele, die aus zwei Augen blicken, mit zwei Ohren hören.

Die Kühe, die uns beim Wandern nachsehen, als wollten sie uns nach dem Namen fragen, dem woher und wohin.

Der Blick des Tigers hinter Gitterstäben im Zoo. Die Art, wie eine Katze schnell nach uns sieht, dann beflissen die Strasse quert, als wäre sie eine Menschenfrau, die drüben was zu tun hat.

Und das hat sie ja, sie geht ihren Geschäften nach, dem Geschäft des Lebens.

Sie haben alle was zu tun, die Amseln, die im Gras nach Würmern horchen, die Krähen, die die Nüsse auf der Strasse liegen lassen bis ein Auto sie knackt. Mit zwei Augen wie wir sehen sie in die Welt, gehen auf Füssen wie wir. Warum erschrecken wir nicht täglich vor dieser Vertrautheit und Ähnlichkeit, die zugleich unüberwindbare Ferne ist?

Da paddeln die Enten und Blässhühner eifrig im Wasser herbei, heben die Schnäbel und lassen ihr vorwurfsvolles Bettelquaken hören. Diese winzigen, mit farbigen Rändern gesäumten Entenaugen haben etwas Fremdes und zugleich Vertrautes. Ich weiss, wer sie sind, diese Entengeschöpfe und hab doch keine Ahnung, wie ihre Welt aussieht. So gern möchte ich wissen, wie sie sich fühlen im Winter auf dem See, mit den Beinen im eiskalten Wasser. Oder der Maulwurf, tief unten in seinem Bau, wenn er die Erde umwühlt wie ein Bergarbeiter. Oder die kleine Kröte mit den goldnen Augen, wie sie über die Steine des Mäuerchens in meinem Garten krabbelt auf der Suche nach einem Versteck.

Und nicht nur sie. Auch die mit den grossen Facettenaugen. Im Kopf einer Fliege zu sein, wenn sie, die Beine nach oben, nach rasendem Flug an der Decke landet. Im Kopf einer Spinne, die an ihrem unsichtbaren Faden hängt, in der Luft, einer Prachtlibelle, die im Flug stehen bleibt wie ein Helikopter, ihre Runden über dem Teich in atemraubender Geschwindigkeit fliegt.

Dieses Versteckspiel, diese Vertrautheit.

Ich seh, wie das Hinterbein eines Hundes leise vibriert, wenn er steht, schon gespannt ein wenig, weil er jetzt gleich aufspringen wird. Die Sehnen sichtbar unter dem Fell, die paar Haare, die, unbeachtet von ihm, fixiert von mir, den Boden berühren. Ich fasse der Katze an den Rücken und fühle darunter die einzelnen Wirbel, die Rippen, das Herz das klopft, die Muskeln am Hals, die sich spannen, wenn sie den Kopf bewegt. Sie sagt kein Wort zu mir, nie sagt sie was. Und wenn ich nicht aufpasse, wenn ich vergesse, dass zwischen uns diese unüberwindbare Artenschranke liegt, dann bin ich irgendwie beleidigt. Sie denkt was von mir,  und ich werde nie wissen,  was sie denkt.

Zwei Augen, zwei Füsse, vier Füsse, Zehen und Gelenke. Manchmal ahne ich eigentlich wie es sich anfühlt, einer dieser Vierbeiner zu sein, mit der Vorderpfote aufzutreten, die Hinterpfote nachzustellen. Ist es so,  wie ich es mir denke, wenn man mit sechzig, siebzig Stundenkilometern dahinfegt, – ein Windhund, ein Gepard – und bei jedem Sprung die Hinterbeine neben den Vorderbeinen nach vorne wirft, einen Moment lang ganz in der Luft schwebt.

Ist es so, wie ich mir denke, dass man sich fühlt, wenn man über einem Schiff dahinfliegt, von Zeit zu Zeit träge ein wenig die Flügel bewegt. Warum rührt mich das, wenn ich beobachte, wie eine Möwe um sich blickt von ihrem Platz in der Luft aus, mit einer Selbstverständlichkeit als wäre sie irgend eine menschliche Person?

Sie blicken uns mit zwei Augen an, sie blicken in unsere beiden Augen. Sie schliessen Lider und öffnen sie wieder. Sie biegen ihre Glieder an den Gelenken, sie öffnen ihre Münder und verleiben sich Nahrung ein.

Wir alle, die Vierbeiner, die Zweibeiner und Zweiflügler, die mit dem warmen Blut, ja sogar die Frösche mit der schimmernden Haut, die wechselwarmen also, wir sind uns ähnlich.

Die Knochen in meinen Beinen und Armen, die Rippen, unter denen mein Herz schlägt, haben dieselbe Grundstruktur wie diejenigen irgendeines Säugetiers. Der Knochen unter Plastikfolie im Regal im Supermarkt mit den weisslichen Fetzen am Gelenk, der Rundung, dort wo er in der Gelenkpfanne sich gedreht hat. Ich gebe ihn dem Hund und er, die Hinterhand platt auf den Boden gedrückt, zerknackt ihn, kaut und schmatzt. Der Teil eines Körpers, der dem meinen gleicht.

Manchmal, wenn ich sitze und in Gedanken dem Gefühl in meinen Gliedern nachgehe, ist mir mein Skelett bewusst, weiss ich, wie die Haut über meine Wangenknochen gespannt ist, ahne ich, wie in meinem Bauch sich rotglänzend und weich die Därme, der Magen, bewegen. Wie die Höhle eines verwunschenen Raums wirken ihre Innenseiten. Beim Arzt, auf dem Bildschirm kann man sehen, wie sie pulsieren.

Schön sind sie, schön ist alles, was noch lebendig ist, sich bewegt, verletzlich alles, schnell verschwunden, zerstört, gefressen, verwest. Das Geschäft des Lebens, dem wir alle nachgehen, ist für alle dasselbe: dem Glück des Lebendigseins auf der Spur, der Angst, zur Beute zu werden, dem Grauen vor der Vernichtung.

Wir Verwandte, gewachsen auf den verschiedenen Zweigen desselben Baums des Lebens.