Zukunft

Der Garten wäre still, wenn die Hühner nicht redeten. Wenn nicht dann und wann ein paar Ringeltauben auf meiner hohen toten Birke sässen. Dann und wann, hab ich sie schon lange nicht gesehen? Nicht gehört? Ich kann mich erinnern an sie und sind an den Baumläufer an den alten Trauerweiden, die an Wassermangel gestorben sind und dann liegen gelassen und im Garten langsam zurückgewachsen, von Efeu überwachsen, von Pilzen langsam abgebaut, von Insekten zerteilt…. woher hatten die roten Baumpilze, die da mal wuchsen ihre wunderbare Farbe? Aus den Nährstoffen, die sie aus dem sich wandelnden Holz holten. Oft flog damals ein Eichelhäher her und ich versuchte an ihren Stimmen, die Trauergrasmücken, den Zilpzalp, den Grünfink zu bestimmen und die Blaumeise, die Tannenmeise. Sind sie nicht immer noch dann und wann da? Nicht nur Elstern und Krähen, die man ja kaum beachtet, weil sie in der letzten Zeit fast die einzigen sind, die mich überraschen, wenn sie an meinem Haus vorbeischiessen im Morgengrauen?

Jetzt ist Winter schon lange ist Winter immer noch, dunkel am Morgen aber nicht kalt, nicht so kalt, wie es sein sollte. Deshalb wohl scheint mir alles so still um mein Haus. Die Krähen sitzen heute auch schweigend da. Eigentlich hab ich sie erst so richtig kennengelernt, als ich las, was sie alles können. Denken, Schlüsse ziehen, eine komplizierte soziale Organisation leben. Wie wir, fast wie wir. Wenn mich die Melancholie packt, weil ich weiss, wie viele der Vögel, der Schmetterlinge schon verschwunden sind, so tröstet mich mein tapferer Blick in die Zukunft, eine Zukunft, in der die Krähen sich ausbreiten, neue Unterarten bilden, seit dem Buch von Daniel Weiner (the beak of the finch) über die Forschungen des Biologen-Ehepaars Peter und Rosemarie Grant auf Daphne Major (Galapagos), weiss man wie schnell die Evolution vor sich gehen kann. Sie bewiesen dort, dass es nicht lange braucht, bis die Darwinfinken neue Arten bilden, je nachdem, wie die klimatischen Verhältnisse und das Nahrungsangebot sich ändert. So werden wohl, hoffe ich, die wenigen Tierarten, die die Ausrottung überleben, diese anpassungsfähigen Zivilisationsfolger, wie Ratten, Krähen, Füchse und viele Insekten wohl auch, sehr schnell wieder eine neue Vielfalt herstellen, wie schnell? Bei den Darwinfinken zeigten sich Unterarten mit neuen angepassten Schnabelformen innert einiger Jahre. Geht es wohl, wenn hochkomplexe Tiere wie grosse Raubkatzen. – Der Amur Tiger, der Schneeleopard, die am Rande der Ausrottung schon heute stehen – verschwinden (was für ein Verb, sie verschwinden ja nicht einfach, sie werden ausgerottet, ihnen wird die Lebensmöglichkeiten genommen. ) Werden sich auch da schnell neue Arten bilden, majestätische weil die Millionen Hauskatzen die Menschen überleben, gross werden, zu Jägern von neuen Antilopen und Hirschen sich entwickeln? Wie bald zeigt sich da eine neue Fauna, eine neue Flora, dauert es so kurz oder so lang wie es ging, bis aus dem Stamm der Säugetiere die Cousins von Gorillas und Schimpansen, dann die Menschenarten sich entwickelten, von denen dann der Homo Sapiens den Sieg davon trug? Warum komme ich auf solche Gedanken, tröstliche Gedanken, tröstlich die Aussicht, dass es dann, ein paar Millionen Jahre vielleicht nach meinem Tod, Krähenartige gibt, die die verlassenen ökologischen Nischen bevölkern: Und Wildhunde, die in den neu gewachsenen Wäldern ein wundersames Wildrind jagen, da wo die Menschen verschwunden sind.

Die Natur passt sich an, solche Aussagen möchte ich mir zu eigen machen. Möchte glauben, dass die Vielfalt sich immer neu entwickelt, weil sie sich anpassen, sich ändern, die Bewohner der Erde. Wenn ich lese, dass die Weissstörche, die wegen der Zerstörung von Feuchtgebieten in unserem Land kein Futter mehr fanden, sich plötzlich umgestellt haben auf die Mäusejagd – wie die Graureiher, die nie gefährdet waren, das schon länger tun, so gibt auch das mir Hoffnung. Alles wird, so versichere ich mir selber, nicht praktisch wieder bei Null anfangen müssen, wie damals, als die Saurier vernichtet wurden durch die Katastrophe des Meteoriten- Einschlags. Warum denn denke ich das überhaupt. Warum kümmert es mich denn? Eine Zukunft, die ich nie erleben werde?

Könnte es sein, weil die Elemente, aus denen ich bestehe, genau die selben sind aus denen alles andere Lebendige besteht? Alles in der Welt??