…meine Mutter, 1900 -1995

Dezember 1995

Ich möchte Sie alle herzlich zu der Gedenkfeier für meine Mutter begrüssen. Es ist schön, zu sehen, wie viele gekommen sind.
Obschon sie sehr alt geworden ist und deshalb die meisten ihrer Generation, ihre Geschwister und viele Freunde gestorben sind, zeigt sich, dass sie doch viele jüngere, lebende Freunde hatte, und dass sie, so darf ich behaupten, in uns allen in der Erinnerung wenigstens fortlebt.
Meine Mutter hat lange gelebt, fast ein Jahrhundert lang. So lange, dass viele von uns – und das hat eine Nichte von ihr gesagt – fast glaubten, sie sei irgendwie unsterblich.
So alt jemand auch ist, und so sehr man auch damit rechnet, der Tod kommt immer überraschend. Und er ist immer ein Schock, auch deshalb, weil er eigentlich nicht zu begreifen ist.
Unsere Gesellschaft, unsere Sozialsysteme rechnen mit Alter und Tod. Wir sprechen davon, wir sorgen vor für den Fall unseres Ablebens, wir haben die verschiedensten Einrichtungen, die ihn als Realität behandeln. Wir wissen, dass er eine biologische Tatsache ist, wir wissen auch, dass der Tod unser aller Zukunft ist, in diesem Sinne akzeptieren wir ihn auch.
Und doch: Als Elias Canetti starb, hab ich in seinem Nachruf gelesen, dass er den Tod des Individuums als einen Skandal ansah, als etwas das nicht zu akzeptieren ist, gegen das zu kämpfen man nicht aufhören darf. Und er hat dagegen gekämpft.
Elias Canetti ist dennoch gestorben.
Aber vielleicht ist es wichtig, dass es Menschen gibt wie ihn und wie meine Mutter auch. Sie hat auch nicht aufgegeben, sie hat sich nicht in das Unvermeidliche geschickt. Als sie Ende September zehn Tage lang bei mir war und nicht mehr selber gehen konnte, sagte sie nicht, „ich kann nicht mehr gehen“. Nein, sie sagte: Ich kann noch nicht wieder gehen. Ich bin noch nicht stark genug“. Sie hoffte also bis zuletzt, dass alles wieder besser würde.
Und sie hat sich auch nicht vom Leben verabschiedet. Bei mir sass sie damals noch eines Vormittags drei Stunden lang gespannt vor dem Fernseher, um die Wahl von Moritz Leuenberger zum Bundesrat mitzuverfolgen und zu kommentieren. Sie hat sich also bis zuletzt um die Zukunft, auch wenn sie wusste, dass es nicht ihre eigene sein konnte, gekümmert.
Sie hat gewusst, dass sie irgendwann, vielleicht bald einmal sterben wird, aber wahrscheinlich ging es ihr so wie mir jetzt. Sie wusste es und konnte es nicht begreifen. So wie ich weiss, dass sie tot ist und es doch nicht begreife.
Das Schlimmste, wenn jemand stirbt, ist wahrscheinlich die Tatsache, dass jemand auf einmal einfach verschwunden ist. Verschwunden mit ihm auch all seine Gedanken, Gefühle und Erinnerungen.
Ich habe mein Mutter zwar auf dem Totenbett gesehen, ihren toten Körper auch, aber ich habe dennoch keine Vorstellung davon, wo sie hingegangen ist.
Aber dieses Problem, das eigentlich unlösbar ist, haben die Menschen seit jeher gehabt.
Und sie haben immer Erklärungen dafür gesucht, sich die unterschiedlichsten Vorstellungen davon gemacht.
Viele Stammesgesellschaften und Naturvölker, für die die Zeit eher zyklisch abläuft als linear, weil das Leben sich von Generation zu Generation nicht so sehr verändert, glauben ganz einfach, dass die Toten weiter unter ihnen weilen. Sie sind entweder überall noch um uns, nur unsichtbar, oder sie sind an bestimmten Orten auf der Erde zu finden und sie werden verehrt und sogar genährt. Dass man in Mexiko auch auf den christlichen Friedhof an Allerheiligen den Toten Essen bringt und mit ihnen eine Mahlzeit verzehrt, kommt sicher aus dieser Vorstellung.
Dann gibt es die Vorstellung von einem Totenreich, in das man hinüber wechselt. Man stellt es sich oft ganz ähnlich vor wie das irdische Leben. Deshalb wurde den Toten oft alles Nötige dafür mitgegeben, von Geld über Kleidung, Essen und Möbel bis zu Anweisungen, wie man sich gegenüber den Geistern oder Göttern, die man dort trifft, verhalten sollte.
Andere Konzepte rechnen mit einer Wiedergeburt in anderer Gestalt hier auf der Erde. Als Tier oder Mensch, vielleicht gar als Pflanze oder Mikrobe. Diesen Gedanken finde ich schön, obschon ich ihn nicht ganz so wörtlich nehmen könnte. Allerdings, dass wir weiterleben auch körperlich, dass all die Elemente, die unseren Körper ausmachen, nicht verlorengehen, das ist sicher. Dass vom Körper meiner Mutter, die den See liebte, das Meer, die Blumen, die Tiere und die kleinen Kinder, sich da in einer Sonnenblume, dort vielleicht in einer Rose einem Grashalm, einem Fisch oder einem Kind sich etwas wieder findet, ist ein schöner Gedanke.
Mit dem Christentum kam die Vorstellung, dass wir als eine bestimmte Person nach dem Tode weiterleben,und zwar ewig, ja dass wir sogar mit unserem Leib auferstehen. Damit hat man die Angst vor dem Nicht-Mehr- Sein überwunden oder besser beiseitegeschoben. Allerdings wurde die Angst vor dem Tod im Mittelalter dann abgelöst durch die Angst vor der ewigen Verdammnis, weil die Kirche das Jenseits in einen Ort der Belohnung und in einen der Bestrafung aufteilte.
Das Überleben des Individuums ist ein bestechender und ein tröstender Gedanke und wenn man daran glaubt, nimmt er dem Tod alle Schrecken. Nur habe ich mich schon als Kind gefragt, warum man denn dem Nichtsein nach dem Tode soviel Raum einräumt, es tröstend in ein ewiges Leben verwandelt und das Nichtsein vor dem Leben, also vor der Geburt, eigentlich fast unerwähnt lässt. Logischerweise müsste uns dieses Nichts ja ebenso schrecken.
Ich weiss nicht, ob meine Mutter, obschon katholisch erzogen, wirklich an ein Leben im Jenseits geglaubt hat. Jedenfalls war sie sich dessen gar nicht sicher. Deshalb hat sie ihre jüngere Schwester, die fest daran glaubte, und die vor einigen Jahren gestorben ist, gebeten, ihr ein Zeichen zu geben nach ihrem Tode, wenn da wirklich etwas wäre. Sie hat keine Nachricht bekommen, auch nicht im Traum.
Sich ein Jenseits ausdenken, ein Totenreich, das ewige Leben, die Wiedergeburt oder die immerwährende Anwesenheit der Ahnen unter uns, das alles ist eine Sache des persönlichen Glaubens. All diese Vorstellungen sind schön und tröstlich.
Ich jedenfalls glaube, dass nicht nur die Moleküle, die den Körper meiner Mutter ausmachten, irgendwo wieder zu finden sind, sondern auch dass ihr Geist., ihre Ideen weiterleben.
Der Tod ist ja eine Voraussetzung, dass neues Leben entstehen kann. Wären die Menschen körperlich unsterblich, so wäre kein Platz mehr für die nächsten Generationen. Ohne Tod keine Geburt.
Die Tatsache, dass eine Generation die andere ablöst, ist eine der wichtigen Bedingungen dafür, dass die menschliche Kultur sich entwickelt. Neue Ideen lösen die alten ab, aber ohne das, was unsere Vorfahren gedacht, gefühlt, erfunden haben, könnten wir nichts neues erschaffen. Wir erben von ihnen nicht nur die Gene, die Talente und die Schwächen, sondern auch all das, was sie für uns vorgearbeitet haben.
Ich diesem Sinne sind wir alle ein wenig unsterblich. Dass meine Mutter an Gedanken und Haltungen einiges hinterlassen hat und nicht nur in ihren Kindern, sondern in Euch allen weiter lebt, dessen bin ich ganz sicher.
Und ihre Unternehmungslust, ihre Freude am Leben, hat auf einige von ihren Freunden abgefärbt.
Ich möchte da nur drei erwähnen, die leider genau aus diesem Grunde jetzt nicht da sein können:
Ihre Enkelin Regine, die ebenso Freude hat an körperlicher betätigung wie ihre Grossmutter, und die als Sportlehrerin heute einen Skikurs leitet,
Elvira Paraskevas, die in den letzten Jahren mit meiner Mutter nach mehrmals in Amerika und in Gran Canaria war. Sie weilt gerade jetzt wieder auf der Insel im Atlantik, um ein paar Tage mit ihrer neuen Liebe zu verbringen, die sie dort zusammen mit meiner Mutter kennengelernt.
Und Jeannie Sutter, eine langjährige Freundin von mir, die zu einer engen Freundin meiner Mutter wurde und in den letzten Jahren regelmässig, alle vierzehn Tage mit ihr ausgegangen ist. Jeannies Mann hat sich vorzeitig pensionieren lassen und die beiden befinden sich auf einer fünfmonatigen Reise in Indien.
Was hätte meine Mutter dazu gesagt, dass sie nicht da sind? Sie hätte höchstens bedauert, dass sie nicht mitgehen konnte. Zum Skifahren, nach Indien und nach Gran Canaria.
Wir bedauern das auch. Und wir sind traurig dass sie nicht mehr da ist.
Dass man alt wird und mit 95 Jahren stirbt, ist eigentlich nicht schrecklich. Und irgendwie doch. Aber wir müssen alle damit fertig werden, dass unser Leben endlich ist und viel zu schnell vorbei. Eine Möglichkeit, damit umzugehen, ist diese Gedenkfeier. Irgendwo habe ich gelesen, dass all die Totenbräuche – die je nach Kultur viel üppiger sind als bei uns und manchmal über Jahre dauern – deshalb entstanden, weil der Tod uns hilflos lässt, weil man nichts gegen ihn tun kann.
Also erfindet man oft komplizierte Rituale, macht eine Feier. Zusammen essen, zusammen sitzen und paudern, das allerdings gehört in fast allen Kulturen dazu. Das tröstet.

Wie gern meine Mutter gelebt hat, wie sehr sie trotz allem Optimismus darunter gelitten hat, dass im hohen Alter nicht mehr alles möglich ist, das zeigt ein Gedicht, das ich nach ihrem Tode unter ihren Manuskripten gefunden habe…..

Klagelied einer alten Frau
Ich liebe blau, weil blau der Himmel ist
Und blau die Augen meiner Kinder waren.
Manchmal trag ich auch weiss und rot,
Weil rot die Liebe ist
Und weiss der Schnee.
Nun bin ich alt, der Augen Licht ist stark getrübt,
Ich hör nicht mehr der Vögel Morgenlied,
Die Liebe ist vorbei, die Kinder keine Kinder mehr
Und auch der Schnee, ein grauschwarz Häuflein nur
Am Strassenrand der Städte
Und weiss nur in Erinnerung
Und dies tut weh.
Mein Geist jedoch ist wach und jung
Und möchte seiner Sinne mächtig sein
Um wahrzunehmen aller Welten Schicksal
Das brennend mir am Herzen liegt.
Doch bin ich alt und sollte alt auch sein
Und in der Stille leben
Und weise sein
Doch ich lieb blau und trag auch rot und weiss
Mein Geist ist wach und rege
Und möcht nicht stille sein……

0.