Winzigkeiten

Die Kehrichtkessel schepperten, wenn mein Vater sie leer die Treppe empor trug und dabei an die steinernen Stufen schlug. Das passierte ihm aber nur ein oder zweimal pro Treppenflucht. Dazwischen hörte man seine schnellen fast fliegenden Schritte, denn in all den Jahren, bevor er Krebs bekam, an dem er dann sterben sollte, rannte oder hüpfte er schwungvoll im Rhythmus die Treppen hoch, obschon er doch ein recht beleibter schwerer Mann war.Der Kehrichtkessel wurde dann auf den roten Klinkerboden in der Küche gestellt und meine Mutter kleidete ihn mit Zeitungen aus: Drei doppelte Blätter, die sorgfältig zweimal einige Zentimeter über den Rand hinaus gefaltet wurden für die Seitenwände und ein Vierfaches Blatt, das man zum Schluss auf den Boden legte. Wenn der Kessel voll und schwer war und mein Vater, später mein Bruder oder ich, ihn hinuntertrugen, war der Zeitungsrand oft von Feuchtigkeit durchtränkt und die Ränder von Kaffee oder Oelflecken bildeten Ringmuster und Farbabstufungen.
Fleckenmuster auf dem Papier, die Kerben und Flecken auf der dunkelrot gemalten Haustüre, ein brauner Fleck unter dem Wasserhahn in unserer Badewanne. Der Fleck auf der Tapete, die beige war und dicke dunklere Streifen hatte, dort wo die Bahnen zusammengeklebt waren, gleich neben meinem Bett am Kopfende.
Der Fleck und die feinen wie hingestreuten Erhebungen des Musters waren in meinen Kinderkrankheiten die Fieberbegleiter, sie vermischten sich mit dem Rest der Träume, wenn ich morgens aufwachte von dem Lärm, den mein Vater beim Reinigen der Holzöfen in den Zimmern machte. Mit dem Tapetenmuster fingen die Wintertage an mit der dunklen Kälte in den Zimmern, und wenn ich mich abends gegen die Wand drehte, um einzuschlafen, waren sie immer noch da, wenn die Türe zum Korridor, wo das Licht brannte, noch offen stand. Ich sehe den Fleck vor mir und da ist auch die Angst, die mich nicht einschlafen liess, weil vorher, beim Nachtessen, die Lampe über dem Küchentisch geschwankt hatte. Es war Krieg und irgendwo war auch die Schweiz bombardiert worden. Ich war noch so klein, dass ich nicht weiss, ob Bomben und die schwankende Lampe etwas miteinander zu tun hatten. Der Fleck an der Tapete verdrängte auch die Erinnerung an Alpträume nicht, die meine Kindernächte heimsuchten: das brennende Haus auf dem Balkon, auf dem ich stand, bereit zu springen, in Gefahr, zu verbrennen oder abzustürzen. Die Horden mit Stiefeln, die in den Nächten unter Gebell einer Menschenstimme, deren Wörter nicht verständlich waren, durch unsere Strasse marschierten. Die Tiefseefische, die mich in den Unendlichkeiten des Ozeans verfolgten und verschlangen und die riesigen Baumstämme, die an den idyllischen Waldrändern des Bernerlands lagen, sich plötzlich regten und einen auffrassen, wenn man nichtsahnend an Mutters Hand in der Sonne spazierte.

An heissen Sommertagen seh ich mich vornübergeneigt auf der Schaukel sitzen und auf die Kiesel unter mir blicken. Wenn ich mit dem Schuh beim Hin – und Herbaumeln über sie hinwischte gab es kleine, staubige Lücken zwischen ihnen. Da und dort wuchsen ein paar Gräser, verkrüppelt und kurz, weil man sie immer niedertrat. Eine Fliege setzte sich auf einen kleinen Stein, der eine helle Ader hatte. Ich beugte mich so weit vor, dass ich fast vornüberfiel und klaubte ihn hoch. Die Innenfläche der Hand, mit der ich mich am Seil gehalten hatte, zeigte rote, gerippte leicht schmerzende Eindrücke. Ich nahm den Kiesel in den Mund und befeuchtete ihn, damit die weissen Adern glänzten und sich leuchtend vom schwarzen Grund abhoben. Über mir die Hitze, die mich im Nacken drückte. Ein Wehen von Leintüchern, die schneeweiss an den Wäscheleinen hingen. Hölzerne Stecken von der Witterung grau gegerbt, mit schrägen Spalten stützten sie und schwankten, wenn man an sie stiess.
Wir rannten zwischen den Tüchern durch, dem Schatten der andern Kinder nach, und während einer dieser Stecken schwankte und stürzte und die fliegenden Leintücher mit sich riss, erschien dahinter aus dem Nichts das Gesicht meiner Schwester, lachend mit Grübchen in den Wangen und schon drehte sie sich um und verschwand. Die Frauen, meine Mutter und die Nachbarinnen aus dem Mietshaus, schimpften, weil die Wäsche am Boden lag. Unter ihren braunen Schuhen knirschte der Kies. Sie trugen undurchsichtige, fleischfarbene Strümpfe und helle Schürzen, die über dem Hintern in grossen Maschen gebunden waren.

Der Weg vom Gartentor zum Haus war mit runden Steinen bepflastert. Die gelben kleinen Blätter der Birke klebten darauf. Und während ich auf das Moosmuster zwischen den Steinen blickte, hörte ich aus dem Küchenfenster über mir ein Klirren von Geschirr, eine Männerstimme, die anschwoll und wieder verebbte. Ich ging zum Gartenzaun und klaubte das Moos vom gemauerten Pfosten, ich zupfte kleine bittere Blätter von den Büschen und kaute sie. Ich ging dem Trottoir entlang und sah meine Füsse unter meinem Körper wie sie sich bewegten auf dem Asphalt, der dunkle Adern hatte und körnig- schwarze Flecken. Ich kniete mit den Jungen auf dem Stein und schaute den Murmeln nach, wie sie in die winzigen Vertiefungen im Rinnstein kollerten, sich noch langsam hin und her bewegten und dann zur Ruhe kamen, die „Aeugeli“ milchweiss wie Augäpfel mit bunten Einschlüssen, die durchsichtigen „Gledle“ mit den farbigen Spiralen, die im Glas wie im Wasser schwammen. Ich trug sie nach hause in meiner Schürzentasche, wo sie durch den Stoff gedämpft aneinander schlugen und nahm sie immer wieder aus dem Stoffsäcklein heraus um, ihre Glattheit zu prüfen, um mit Bedauern die winzigen Spuren auf der Oberfläche zu betrachten, die vom Gebrauch, vom Fall auf die Erde von den harten Zusammenstössen herrührten, wenn die Buben beim Spiel sie mit Kraft auf andere Murmeln schleuderten.

Ich sass hinter einem Busch, die Hosen heruntergelassen, meine nackten Knie vor meinen Augen, ein kleines braunes Mal auf der Haut, die winzigen hellen Härchen, die aus kleinen Vertiefungen wuchsen

Unter mir Blätterschatten, Erdkrümel, zwischen denen Ameisen krochen. Sie krabbelten wie verwirrt, vorwärts und rückwärts. Hinter den Büschen rief jemand, ich fürchtete mich vor den lauten Stimmen der Buben, ich stand da, mit nach innen geknickten Knien und suchte die Hosen hochzuziehen. Ich hasste die Kniestrümpfe, deren elastisches Band locker geworden war, und die ich, beim Rennen anhaltend, immer wieder hochziehen musste. Ich spürte wie beim Bücken sich mein Bauch zusammenquetschte und während ich die Schuhsenkel neu knüpfte, dachte ich an die kleinen Knöchelchen unter der Haut an meinen Fingergelenken.

Und dann trat ich aus dem Busch und die andern Kinder waren verschwunden und die Stille ruhte hinterhältig auf den hellen Flecken auf dem Weg.

Ich ging der Mauer entlang, weil da Schatten war, weil die Wärme, die über allem lag, dieser Sommer, den ich liebte, mich doch niederschlug. Ging langsam in der plötzlichen Einsamkeit bis zur Haustüre, bis jemand hinter mir losschrie, bis sie mich am Nacken packten und an den Zöpfen nach hinten rissen. Und dann waren sie über mir, ein Nachbarsjunge, dem ich ins Auge sah in die gefältelte Iris. Sah die Spuren von Schmutz an seinem Nasenflügel. Und dann war der Stoss so stark, dass ich in die dunkle Kühle hinter der Türe fiel und meine Handflächen auf den roten kalten Fliesen aufstemmte und mich hochrappelte. Schmerz und Wut im Bauch, der Geschmack von Tränen im Mund, wandte ich mich um. Bis ich an der Türe war, sah ich nur noch, wie die zwei am Gartentor um die Ecke verschwanden.

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Meine Tränen verzerrten die Kerben am Handlauf, das salzige Nass rann mir in den Mund und über meine Oberlippe. Ich leckte sie weg und vergass das Weinen, weil ich versuchte, mit der Zungenspitze mein Nasenloch zu erreichen. Ich zog den Rotz hoch, hatte befriedigt das Geräusch im Ohr, das ich machte. Setzte mich hin, wartete bis das Herz nicht mehr so heftig schlug, sah auf meine Fusspitzen, zog die Schuhe aus, und bewegte die Zehen vor mir. Diese kleinen Wesen, die sich bewegten, als wären sie kleine Tiere. Mein Körper war so fremd und so nah zugleich für mich.

Ich hatte mich noch nicht daran gewöhnt,in diesem Körper zu sein. Noch immer musste ich mich auf Zehenspitzen stellen, um Lichtschalter zu erreichen, noch immer sahen die Erwachsenen über mich hinweg, wenn sie miteinander redeten, beugten sich herunter zu mir und sagten einen Namen, den sie mir gegeben hatten, den ich nicht gewählt hatte. Ich war in der Welt und immer noch war mein Spiegelbild mir fremd, diese Augen, die ich von ganz nah betrachtete, und in denen ich kleine Pünktchen sah, die ich nicht fühlte, die Sommersrprossen auf meiner Nase und meinen Armen, die ich nicht gewählt hatte.

Sie sagten, Gott hätte mich gemacht, und ich müsse dankbar sein dafür. Aber ich musterte meine runde Stirn im Spiegel und die Ohrmuscheln, die vom Kopf abstanden, weil man mir die Zöpfe so straff geflochten hatte, und in mir war ein seltsamer Groll, dass ich ich war, dass ich da war, ohne dass ich hatte wählen können.

Nachts lag ich wach und horchte auf die Atemzüge meiner Schwester. Vom Fenster her fiel blasses Licht auf den Boden. Hinter der Türe hörte man Stimmen, meine Eltern, die über Dinge redeten, von denen wir nichts wissen durften. Die Erwachsenen redeten immer über uns hinter unserem Rücken. Sie sagten uns nicht die Wahrheit über die Welt, und wie sie wirklich war. Ich ahnte, dass die Geschichten, die sie uns erzählten, nur für uns erfunden waren, dass hinter all dem etwas steckte, das sie uns vorenthielten.

Ich lag, die Nase an der Innenseite meines Arms. Meine Haut roch fremd und kühl und ich leckte sie und fand es seltsam erregend, dass ich mich an zwei Orten spürte. Die Zunge, für die die Haut das Fremde war, und die Haut an meinem Arm, die überrascht von der sich bewegenden Zunge gekitzelt wurde. Und dann bewegte ich mich und spürte die Härte meiner Knochen am Becken und an der Schulter und ich hielt mit der einen Hand das Handgelenk der andern Hand und spürte den Puls. Blut in meinem Körper, Knochen unter meiner Haut. Ein Knochengesicht unter meinen Wangen wie die Gesichter des Todes, der in einem Bildband meines Vaters Könige wegführte, blonde Prinzessinnen umarmte und mit der Sense in der Hand mit den Lebenden tanzte.

Erbarme dich in der Stunde unseres Todes murmelten meine Tanten, wenn sie den Rosenkranz beteten. Ich hatte die Wörter in diesen Litaneien lange nicht auseinander halten können. Ich hatte selbst auf schmerzenden Knien in der Kirche diese Sätze mitgemurmelt und nichts verstanden.

„In der Stunde unseres Todes, Amen“. Das ging alles in einem Atemzug und in meinem Kopf lagen diese Wörter ganz nah, wenn ich mit Neugier und Ernst meine Knochen fühlte in der Dunkelheit, wenn ich meine Wange an die feine Haut auf der Innenseite meines Arms schmiegte.

Ich dachte kein Nichtsein, aber die Verwunderung über mein Sein, über die Fremdheit dieses Körpers hatte ich noch nicht verloren.