Tante Ottilia

Die Vikare meiner Kindheit, Kleid, Haut und Schleier von Tante Ottilia

Meine Kindheitserinnerungen sind erfüllt mit dem Geruch von schwarzen Nonnenkleidern, dem wischenden Geräusch, das sie machten, mit dem Anblick einer Kopfbewegung, die durch den Schleier etwas seltsam Anmutiges bekommt. Keinen Schleier im wörtlichen Sinn trug meine Tante, die Nonne, Schwester Ottilia, sondern eine Art Panzer am Kopf aus gestärkten kartonharten Textilien, die in die blasse Haut einschnitten. Sie hatte eine ebenso blasse Brille, die kaum zu sehen war, schmutzigweisses Bakelit oder was es war, vor schmutzigweisser Haut. Nur manchmal funkelten die Brillengläser, wenn sie den Kopf drehte. Dann wehte auch das schwarze Tuch, das bis zu den Schulterblättern fiel hinter der Kopfbewegung her und wenn sie ging, folgte der Rock, der üppig schien in seinem klösterlichen Schwarz, und darunter die Schuhe, die manchmal aufglänzten; altgeputztes saubergewetztes schwarzes Leder, genauso altgeputzt und saubergewetzt in unzähligen Waschungen mit Kernseife wie das blasse Kinn, die blassen Hände, die rauh vor spröder trockener Sauberkeit und runzlig waren.

Ich steh, nach vorne geneigt, so weit nach vorn, dass ich fallen würde, wären sie plötzlich weg, die schwarzen Röcke meiner Tante. Und ich berge mein Gesicht in diesem dunklen Tuch. Ich sehe meinen Hinterkopf, weisslicher Scheitel zwischen straff gestrecktem Haar, das in Zöpfen mündet, helle weiche Kniekehlen über farbigen Kniestrümpfen. Der schwarze Stoff, sein Geruch, hatte zu tun mit den Angst und Schauergeschichten, denen man nicht entfliehen konnte und nicht entfliehen wollte. Die Geschichten auf den Rückseiten der glatten Heiligenbildchen, die man zwischen die Seiten der Gebetbücher steckte: Maria Goretti, die lieber starb als ihre Unschuld zu verlieren. Die Geschichten von Folterungen und Exekutionen, die die Vikare im Religions-Unterricht erzählten. Die Folterung Christi und seine Hinrichtung wären schon genug gewesen, um dieses Gefühl in mir auszulösen, das mir im Rückblick noch Angst und Scham einflösst- ein wohlig schreckliches Suhlen, wie es Kinder von heute wahrscheinlich vor Gewaltvideos tun. Wenn dann aber der Vikar, hager war der eine, mit stechenden Augen begabt war er und riss das Maul weit auf. Der andere war fett und schwitzte jeweils, so dass man seinen Körper roch, wenn er in seiner speckigen Soutane an den Bänken vorbeiging, auf denen wir sassen . Wenn also der Vikar – ausschmückend und genüsslich taten es beide – erzählte, wie Heilige in siedendes Öl getaucht wurden, wie man ihnen die Fingernägel ausriss, wie sie nackt niederknien und auf die Enthauptung warten mussten, wie man ihnen bei lebendigem Leibe die Haut abzog – und das alles nur, weil sie dem Christentum nicht abschworen; so kam zu dieser Neugierde, dieser Lust am Gruseln noch eine innerliches Kopfschütteln hinzu. Ich begriff wirklich nicht, warum diese Menschen so dumm gewesen waren und nicht, um ihre Haut zu retten, gelogen, zum Schein zu den fremden Göttern gebetet hatten. Ich schämte mich gleichzeitig für meine Kleinmütigkeit, für mein mangelndes Heldentum. Aber irgendwo ganz tief drinnen muss in mir eine Gewissheit gewesen sein, dass diese Geschichten irgendwie doch dazu bestimmt waren, uns zu gängeln. Dass die Wahrheit, die die Erzähler für sich so ohne Skrupel gepachtet zu haben schienen, vielleicht doch eine trügerische sei. Dass es sich im Grunde nicht lohnte, für irgendwelchen Glauben das Leben hinzugeben. Ich muss gespürt haben, dass Religion Macht hatte, Macht , die unsere Angst benutzte, um uns gefügig zu machen.  Macht durch  die Verheissung der Strafe, der ewigen Verdammnis, wenn wir nicht auf einem tugendhaften Weg wandelten. Und Tugend, das war Reinheit, so rein wie die weissen schlanken Birken mit den goldenen Blättern auf dem Bild, das der Vikar ums zeigte. Wenn man diese Reinheit nicht bewahrte, die Sünde nicht mied, sogar dafür zu sterben bereit war, würde man in der Hölle schmoren, da wo die Teufel mit  Schwänzen und Zähnen, das Feuer anfachten. Mein Onkel der Staatsanwalt, hatte Bücher mit glänzenden Bildern darin: Da standen sie die Satane, mit glänzenden dunklen Muskeln und zwinkernden Augen am Hintern und neben ihnen stürzten bleiche nackte Menschlein ins Verderben hinunter.

Das war fast alles, was ich hörte über die grossen Fragen nach „woher und wohin“, nach „wer und was bin ich“. Vielleicht hab ich gar nicht wirklich an einen Gott geglaubt, aber ich wusste nur nichts anderes. Nichts von dem, was seit der Aufklärung im abendländischen Denken über die Welt und das Leben gesagt und geschrieben worden war. Meine Eltern waren zwar recht belesen. Mein Vater erklärte uns Natur und Geschichte,  aber die Kirche hatte doch meine Mutter, die katholisch erzogen worden war und unterschrieben hatte, dies mit uns ebenfalls zu tun – noch einigermassen im Griff .

Sie war zwar, wie sie sagte, eine Zweiflerin, aber bis fast ins hohe Alter muss die Angst vor ewiger Verdammnis noch in ihr weitergewirkt haben. Ich war wahrscheinlich schon als Kind einen Schritt weiter. Ob das Glaube war, was ich empfand? Jedenfalls erinnere ich mich, dass ich in Not, wenn ich Angst hatte oder mir etwas wünschte, „liebeliebe Gott“ herunterleierte, also jemanden anrief. Dabei stellte ich mir einen Punkt irgendwo weit weg, hoch oben vor ; ein Punkt der wurde, kam man in Gedanken näher, kaum deutlicher, hatte irgendwelche undefinierten menschlich-männlichen Konturen. Kein Gesicht wie in den Kinderbibeln und Bilderbüchern, aber ein Auge, ein riesiges in der Mitte eines Kopfes.

War es eine Instanz für mich, eine Macht? War es eine Zuflucht?  Ein Bezugspunkt sicherlich, aber eher ein Unsicherheitsfaktor,  in dem Sinne, dass mir schon sehr früh  all das nicht ganz einleuchtete: Diese  Aktivität Gottes, von der sie redeten, dieses Allwissen, das man ihm zuschrieb, dieses Ausspähen jeglicher Befindlichkeit, jeder Tat. Dieses Tragen – „in Gottes Hand“ jedes einzelnen Menschen. Solche Vorstellungen schienen mir zwar verführerisch, aber unglaubhaft, nicht logisch.  Ich stellte Fragen im Unterricht, ich versuchte später, indem ich entsprechende Kurse und Vorlesungen besuchte, die historischen Hintergründe der Christusgeschichte kennen und verstehen zu lernen. Meine Abneigung gegen alles Religiöse – war verknüpft mit dem puren Gegenteil, einer Art Neugierde und Sympathie dafür, die Neugierde wie die Sucht nach etwas Unanständigem. In dem Sinne habe ich mit Nonnen und Mönchen verkehrt und meine Neugierde gestillt. Ich habe eine Reportage über ein geschlossenes Kloster in Solothurn geschrieben und mich fast mit dieser Lebensweise identifiziert. Der Alltag war faszinierend, die Gebete und Gesänge, diese ruhige Ordnung, die einem durch den Tag trug. Die Stille mitten in der Stadt, in der das Kloster mit seinen durch eine Mauer geschützten Feldern lag, die gemeinsamen Mahlzeiten, das gemeinsame Arbeiten.  Er, an den  sie glaubten, erschien mir ganz in den Hintergrund verbannt.. Manchmal nur irritierte mich das allzu süsses Lächeln, wenn sie von ihm sprachen. Aber es war weniger kitschig süss, als das des jungen Ehepaares einer evangelischen Sekte, mit denen ich später in Kontakt kam. Die Schwestern hatten wenigstens Humor und liessen es zu, dass man ein Foto in der Zeitschrift publizierte, auf dem sie im Garten Herrenunterhosen an die Wäscheleine hängten: Die Unterhosen der katholischen Priester aus der Stadt. Auch unter Ehelosen war die Rollenverteilung klar.  Und die Bienenmutter des Klosters liess sich stolz mit einem Stumpen im Mund ablichten, wenn sie beim Bienenstock hantierte. Ich empfand  eine ungebrochene Sympathie für ihre Lebensweise. Die Gemeinschaft, die Genügsamkeit, auch eine Art Demokratie war hier  verwirklicht. Die Interpretation des „Gehorsams“ als Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft, wie sie bei den Kapuzinern und den Franziskanerinnen  geübt wird, leuchtete mir ein. Aber brauchte man, so fragten wir uns – die junge Fotografin, die mit mir zusammenarbeitete – einen Gott, einen halb nackten am Kreuz hängenden Menschen, und all diese Geschichten aus meiner Kindheit, die ich eigentlich schon vergessen hatte.  Ohne eine männlichen Gott würde es auch gehen. Und da, ja wie fast überall in Europa auch dieses Kloster mit den wunderbaren Gebäuden überaltert war,  entwarfen wir Umsturzpläne, angesichts dieses idyllischen Areals. Ein riesiges Kornfeld, abgeschirmt durch Mauern gegen die Stadt, verwunschene mittelalterliche Gewölbe mit Dachbalken und verlorenen Fenstern. Der Hierarchie des Vatikans entfremden könnte man das alles, fantasierten wir. Junge Novizinnen müssten eintreten und das Keuschheitsgelübde nicht einhalten, sehr schnell Kinder bekommen, illegitime Kinder. Die Väter, junge Männer, würden dann allmählich nachrücken, die Zölibatsdiskussion auf diese Weise wieder anregen. Könnte man eine schwangere Nonne, die nichts besass, im zwanzigsten Jahrhundert aus dem Kloster hinauswerfen, ohne dass das ungeheures Aufsehen erregen würde? Allmählich würde die Ordensgemeinschaft so unterwandert werden, die wunderbaren Besitztümer an eine Gemeinschaft gehen, die sich fortpflanzt. Eine Kontinuität wäre gewährleistet, eine Kontinuität in der Lebensweise, der Beschaulichkeit, der Autonomie und Unabhängigkeit von der Marktwirtschaft. Zugleich wäre das eine Möglichkeit, die Hierarchie der männerbestimmten katholischen Kirche allmählich abzubauen, ohne die Qualitäten, die das Projekt Kloster auf wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiet unzweifelhaft hat, ganz zu verlieren.

Inzwischen hatte sich mein Misstrauen, meine Antipathie gegenüber allem Religiösem noch verstärkt. Die Faszination war einer  einem Misstrauen, einem Unverständnis gewichen für die Art, wie Menschen menschengemachte Geschichten zum Zentrum des Lebens machen, oder besser, wie sie etwas anhängen, das für mich nichts ist als Phantasie, als ein Konstrukt, von anderen hergestellt.

Ich weiss, diese Abneigung ist nicht nur rational, es hat etwas zutiefst emotionales dabei, es ist wie eine Wende in meinem Innern, vielleicht seit dem Tod meiner Mutter, dieser Auseinandersetzung mit dem Nichts, dem Verschwinden. Mit den Bedingungen des Lebens als Zufall und unwahrscheinlicher seltsamer Fügung, die niemand gesteuert hat, oder wenigstens nicht dieser Gott, der ein recht primitives Gedankenkonstrukt darstellt.  Vielleicht hat mich diese Beruhigung, die ich empfinde, genarrt, vielleicht ist der Hass, dem mir nun religiöse Menschen, – nein nicht Hass, eher Unverständnis – einflössen, die Kehrseite einer morbiden Faszination, die mich als Kind gefesselt hat. Heisst das, dass ich nun befreit bin, befreit von den Erinnerungen, befreit von einer trügerischen Hoffnung, befreit auch von einer Bindung an ein Moralsystem, dem ich mit meiner Vernunft nie ganz verfallen bin, das ich in meinen Gedanken kritisieren konnte und das mich doch fesselte und am Leben hinderte, bis in meine späten Jahre hinein?

Und ich glaubte doch, als ich diesen Text schrieb, diese Befreiung von Göttern aller Art, würde auf eine Zukunft hinweisen, die langsam die meisten Kulturen verändern könnte. Diese falsche Hoffnung! Die Götter, die Gewalt, die Unterdrückung ist wieder da. Wiederholt sich wie immer in der Weltgeschichte. . Die Götter sind andere als der christliche, in dessen Namen man Ketzer verbrannte. Getötet, ausgerottet, gefoltert werden die Ungläubigen nun im grossen Stil. Und ihr Hass ruft andern Hass hervor, der sich langsam weiter ausbreitet.

Die Röcke meiner Tante Ottilia waren schwarz wie die Gewänder und Schleier der unterdrückten Frauen aus dem Orient, zwischen denen nur zwei dunkle Augen in die Welt hinaus blicken.