Schwalbenschwanz

An jenem Tag flog ein Schwalbenschwanz vor mir her über die blühenden Wegwarten. Riesig schien er mir, als Kind hatte ich sie gesehen, als mein Sohn klein war, hatten wir eine Raupe auf den Blättern der Karotten im Nachbarsgarten gefunden und gefüttert. Sie verpuppte sich, ich stellte sie im Einmachglas auf den Balkon und eines Tages war sie weg. Später erst hab ich begriffen, dass ich sie als Futter für irgendeinen Vogel geliefert habe. Denn eigentlich überwintern diese Schmetterlinge als Puppen schön geschützt irgendwo unter Blättern, und wenn sie Glück haben, fliegen sie im nächsten Jahr als Falter davon. Es gibt nicht mehr viele von diesen grossen Schmetterlingen. In den geputzten Gärten hatten sie keine Chance. Im Gemüsebeet schützte man die Karotten mit Gift vor ihnen. Doch jetzt ist immer mal einer wieder da. Fliegt über die wilden Möhren, die jetzt auch an den Strassenrändern wachsen. Diese grossen schneeweissen Dolden mit der winzigen schwarzen Blüte in der Mitte. Ein Highlight, eine Dekoration? Schönheit? Ist es so, dass die Pflanze so tut, als sässe schon eine dieser winzigen schwarzen Fliegen auf ihr, süchtig nach Pollen, da um sie zu bestäuben, damit Samen später im Boden neue Pflanzen keimen lassen? Die Evolution? Eine Absicht? Die Natur, die eine List erfindet, die Natur, die vorausdenkt?

Vor zwei Tagen hielt der Bus vor meinem Garten und ein Auto hupte, und fuhr dann mit Getöse am Bus vorbei, die Rose unter den Ästen der alten Eibe war verblüht und da tanzte ein kleiner blauer Schmetterling über die Büsche und Gräser. Ein Bläuling, einer der vielen, die ich so nicht unterscheiden kann, denn ihr Flug ist so schnell und hektisch zitternd, wie haben denn schon damals die Fachleute die Schmetterlinge so genau unterschieden, die vielen Bläulinge, von denen nicht alle blau sind. Die Schmetterlingsforscher, Nabokov war einer , er hat sie, damals, als noch niemand Listen machte auf denen Symbole für gefährdete, für ausgestorbene für vom Aussterben bedrohte Schmetterlinge immer häufiger wurden, gejagt, gesammelt, in Kästen aufgespannt. Nabokov, in weisser Kleidung im hellen Morgenlicht über die Wiese laufend. Eine Idylle, ein Bild, das ich kenne, ein Stereotyp, so sehen Schmetterlingssammler aus, mit Botanisierbüchse umgehängt. Vielleicht hat Vladimir Nabokov nie so ausgesehen. Aber er wusste die Namen der Schmetterlinge, die jetzt durch meinen Garten flattern. Dunkle, die ich optisch nie fixieren kann, der Bläuling, der sich kaum setzt, wieder wegflattert, auf den ich später immer wieder warte und den ich nicht mehr sehe. Vielleicht weil ich genau dann nicht im Garten bin, wenn er sich zeigt.