Madrid Anfang September

Viele nackt, auf dem Mittelbild des Triptychons. „Der Garten der Lüste“ von Hyeronimus Bosch. Wegen seinen Bildern bin ich nach Madrid gereist zu der Ausstellung, die man als „Jahrhundert-Ausstellung“ und „einzigartig“ bezeichnet hat. Ich hatte irgendwo vor Jahrzehnten als Studentin (in Wien vielleicht) etwas von ihm gesehen…. unter den Breughels die es da gibt. Und da stand ich nun vor dem  Triptychon, das damals in der Kirche nur an besonderen Anlässen geöffnet wurde. Links das Paradies, in der Mitte das Erdenleben, rechts die Hölle. Weltbild des Mittelalters. Aber was er da alles hineingepackt hat, fesselt einen. So alt sind die Bilder, und erst jetzt entdecke ich sie wirklich. Eine Dreiviertel Stunde lang bin ich vor dem „Garten der Lüste gestanden, nachdem ich mich durch den Menschenknäuel vorgarbeitet hatte, am nächsten Tag noch eine halbe Stunde. Ich suche nun Reproduktionen in Büchern, weil ich fürchte, irgendetwas übersehen zu haben. Eines der Monster, der wunderbaren Missgeburten, der Tiere, der Gegenstände. Den Hinterteil eines Schweins rosa und da wo der Schwanz wäre, ein Flaschenausguss als wärs ein tönerner Krug. dort der nackte Leib, hängend oder im Handstand, eines Mannes oder einer Frau, eine Frucht, ein Insekt im Schritt. Zwischen anmutigen nackten Jungfrauen, wunderschön gemalte Singvögel, wie man sie heute in Bestimmungsbüchern findet, aber so gross wie die Menschen, mächtiger als sie in ihrer gedrungenen Präsenz. Und da immer wieder die Teufel, die kleinen Monster, Anmut, Schönheit, Hässlichkeit, die aber in ihrer Erscheinung als vollkommen blendet. Ich bin dem Weltbild von damals entronnen, das uns als Kinder noch in den Fünfziger Jahren im katholischen Religionsunterricht als real vermittelt wurde. Deshalb auch ist bei mir vor den wundersamen Details die ich entdecke – ein Vogelschwarm hier im Hintergrund, eine Kompanie Reiter dort, unter denen nicht nur Pferde traben, sondern Hirsche, Fische, ein Tier mit Kamelkopf. Dort die Füsse eines Liebespaars, die aus einer Muschel hervorragen, in die sie sich versteckt haben.  Immer neues sehe ich,  ein Gefühl der amüsanten, spannenden Entdeckungen verspüre ich, pure unterhaltende Faszination. Welcher Reichtum der Imagination! Fantasy-Welten hat er geschaffen, Vexierbilder voller spannende Details. Aber klar, die Triptychen sind Abbilder dessen, was auch für ganz allgemein damals das Weltbild war. auch das seine: Himmel, Erde, Hölle. Belehren, Ermahnen, Warnen sollten die Teufel die auf einen warteten, wenn man sich den sündhaften Genüssen der Erde hingab. Erbauen sollte die Ansicht des Garten Edens, in dem Tiere und Menschen in Frieden wandelten und Gott Adam un Eva erschuf. El Bosco hat  für die Kirche gemalt, weil das damals einer der wenigen Auftraggeber war, der auch gut bezahlte. Die Lust allerdings, die Bosch an bildnerischer Fabulierkunst entwickelte in seinen Höllen, mit ihren wunderbaren Monstern , Missgeburten und Katastrophen im Hintergrund, in den Erden-Bildern wie dem „Garten der Lüste“( der Name wurde erst später verliehen) das wie ein grosses erotisches Panoptikum der Versuchung anmutet, zeugen davon, was ihn wahrscheinlich mehr umtrieb als die damals von der Kirche so radikal verheissene Verdammnis, die drohte, wenn man nicht gehorchte. Er hat damals ein Paradies der Lebenslust geschaffen und auch der Lust am Grauen und Gruseln, die die Menschen seit jeher bewegt, hat ein Panoptikum geliefert: wie  die Horror Unterhaltungs und Erbauungs – Filme von heute.

Und wie immer wieder wird mir klar: tolle Kunst ist immer neu und spannend, auch wenn sie vor Jahrhunderten geschaffen wurde.