Ich lebe ich sehe

„ Ich lebe, ich sehe.“
(Titel einer Ausstellung über russische Kunst im Kunstmuseum Bern)

In der Pfütze spiegelt sich ein blasser Himmel. Ein gelber Stummel schwimmt vor dem grauen Randstein. Winziges Grün spriesst zwischen Kieseln.

Ich lebe, ich sehe.

Ein graublasses Wolkengebilde hinter Blättern, die sich leise bewegen, das sanfte Beugen der dünnen Zweige an denen sie hängen.

Ich lebe, ich sehe.

Dieser Blick auf die Welt.

Jetzt, in den Jahren, nachdem ich aufgetaucht bin aus dem Nichts, in dem wir alle vorher waren. bevor ich im Nichts verschwinde, in dem die Toten sind

Dieser Blick jetzt auf die Welt.

Die Zwiebeln, an denen die trockenen Hüllen sich lösen.
Die Krümmung des Rückgrats einer Forelle, die wir eben gegessen haben.
Und das Spargelgrün und das leuchtende Orange der Karotten, und die Art, wie das helle Gelb beim Kartoffelschälen glänzend erscheint. Und der Wasserglanz auf Salatblättern und die Narbung der Orangenschalen und die Art, wie das gelbe Fruchtfleisch aus der ausgedrückten Zitrone hängt.

Ich lebe, ich sehe

Am Morgen die Täler und Gipfel zerknüllter Kissen. Die Linie einer Wange, die leise bebt im Rhythmus des Schlafes.
Und die winzigen Härchen auf einer nackten Schulter und der Widerschein des Fensterflügels auf dem Teppichrot.
Und die kleinen Pfützen, die nasse Füsse auf Badezimmerkacheln zurücklassen und die blassblaue Farbe der Aufschrift einer Zahnpastatube. Und der Rasierpinsel, dessen Haare sich im Spiegel verdoppeln. Und wie der Wasserwirbel im Abfluss der Badewanne die Gedanken mit sich reisst, die alten Ängste verschlingt.

Und das Muster von Knitterfalten am Rock einer Frau, die aufsteht, um aus dem Bus zu steigen. Und die knallrote Socke zwischen Schuh und Hosenbein des Mannes, der vor mir sitzt. Und das Ohr dieses Fremden ganz nah vor mir rosig und weich, mit atemberaubender Kühnheit der Muschelwindungen

Ich lebe, ich sehe, dieser Blick auf die Welt.

Diese Linien, die die Wellen auf dem Wasser immer neu erfinden, dieses Zittern eines weggeworfenen Papiers, bevor der Wind es ganz erfasst, der sein Rot und sein Blau und eine schwarze Schrift aufleuchten lässt, während es in einer filigranen Wolke von Staub über den Asphalt tanzt.

Die Muster der Randsteine am Bürgersteig, die Ritzen dazwischen, auf die das Kind nicht treten durfte, damit kein Unheil geschah und die Wünsche in Erfüllung gingen.

Eine glänzende Wurst von Hundekot vor dem Braun der Erde, eine zerquetschte Erdbeere, an der sich eine Schnecke gütlich tut.
Die Spuren nasser Autopneus. Das schillernde Grün von Spucke.
Ein Blatt, das auf dem Asphalt klebt, und dessen Adern die Verzweigungen des Astes wiederholen, an dem es gehangen hat.

Ich lebe, ich sehe.
Unter den Bäumen, die wie dunkle Riesenkegel stehen, watscheln die Enten hochaufgereckt, rennen die Erpel der Liebe hinterher, geht eine Schnatterwelle von Schnabel zu Schnabel, recken die bunten Hähne die Hälse und schreien.
Und da läuft die Katze geduckt über den Kies, springt aufs Mäuerchen, hebt die Pfote und leckt sich. Legt langsam den Schwanz um die Füsse.
Diese eine Katze für alle Katzen seit Tausenden von Jahren, diese eine Bewegung für alle seit dem Anfang des Lebens. Dieser Blick aus bernsteinfarbenen Augen für die Katzenblicke seit der Zeit der Pharaonen.

Mit blindem Auge liegt die Beutemaus auf der Treppe, die Lippen offen über den Nagezähnen, die Gelenke der Hinterbeine angewinkelt. Wenn man sie mit dem Besen auf die Schaufel schiebt, dann wippt ihr Kopf im Halsgelenk, als wäre noch Leben in ihr.

Die Federwolke, wenn der Greifvogel die Taube rupft. Die zuckenden Beine der Gazelle, in deren Genick der Löwe sich verbissen hat.
Die Gier der jungen Wölfe, die über die Fetzen Fleisch herfallen, die der Vater auswürgt.

Und der schreiende Frosch, der langsam zwischen den gelenkigen Kiefern der Schlange verschwindet.
Die Welt voller Hast und Hunger, Gier und Spiel.
Die Welt.

Ich lebe, ich sehe, meinen kleinen Teil der Welt.

Den Kran im Gegenlicht vor einem weissen Himmel. Masten von Segelschiffen, die im sanften Schaukeln des Wellengangs sich gegeneinander verschieben.
Gesteinsfalten an Berghängen. Die Abstufungen von Grün mit violetten Schatten auf den Feldern.
Die Schlingungen der Wurzeln eines Baumes, die Winkel und Wände von Häusern einer Gasse, und der Horizont weit draussen im Meer.
Und der Sternenhimmel über der Wüste.
Und die Städte unter mir. Und meine Hand, die sich bewegt auf dem Kunststoffbezug des Flugzeugsitzes.

Die Welt.

Ich lebe, ich sehe, in der kurzen Zeit, da die Augen aufgeschlagen sind.
Meine Augen und die Deinen in den Jahren nach dem grossen Nichts und vor dem grossen Nichts, das kommen, wird.
Diese Dunkelheit, die nicht einmal dunkel und viel mehr als dunkel ist.

Das Nichts, das mehr Nichts ist als alles Nichts, das wir uns vorstellen können.
Doch jetzt noch leben und sehen wir.