14. Mai 2016

ein Augen-Blick

Es war kühl aber hell, ein wenig Frische in der Luft. Ich wartete. Über mir bewegten sich Zweige. Vor mir der See. Ich setzte mich auf eine Bank. Die Menschen, wartend, einer die Hand hebend und auf den See zeigend, eine Haarsträhne, die an einer Wange sich bewegte, die Hand einer alten Frau, die den Schirm so hielt, wie alle alten Frauen ihn halten.

Ich blickte zu Boden und sah Rot, an den Rändern ein wenig ausgefranst aber in der Kontur doch klar abgegrenzt. Ein Rot, das im Innern etwas bläulich wurde flach und fleischig, ein wenig feucht auch, grüne Blätter am oberen Ende.

Eine sehr grosse Erdbeere, die jemandem heruntergefallen sein musste, auf die nachher jemand getreten war.

Daneben, fast sie berührend eine Zigarettenkippe, strahlendes Weiss und Ockergelb und im Weiss eine Beugung, ein paar Falten in der Beugung. Jemand hatte die Zigarette ausgedrückt, dabei einen Teil der Asche weggewischt, so dass neben dem Aschgrau an der Spitze die Tabakkrümel zu sehen waren, die wie kleine mehrfach gebogene Bänder wirkten. Dann das Hellgrau winziger Steinchen, die ein Stück sandfarbenen Boden freigaben.

Ich legte in Gedanken einen Rahmen darum: ein Bild. So sieht ein Augen – Blick meines Lebens aus, dachte ich. Ich sass und blickte auf die Erdbeere und wusste, dieses Bild sehe ich nie mehr, nie mehr genau so.

Der Kies knirschte. Ein Schuh ging vorbei, das braune Leder hatte abgeschabte Stellen an der Seite. Ein Hosenbein warf im Rhythmus den glattgebügelten Umschlag vor.

Ich könnte, dachte ich, herumgehen und nichts anderes tun als sehen, so sehen, Bilder machen im Kopf, mit den Augen all das erkunden: die Struktur des Asphalts auf dem Trottoir mit den kleinen Unebenheiten und der Art, wie Staub und andere kleine Reste sich darin abgesetzt haben, wie die Rinne am Rand des Trottoirs überleitet zu den Randsteinen mit ihren verschiedenen Farbvariationen. Begänne ich damit, würde es mein Leben füllen, keine Zeit mehr für etwas anderes.

 

Ich lag als Kind im Gras, den Kopf zur Seite, so dass die Halme vor meinen Augen hochragten und plötzlich sah ich diese glatte Grashaut, die Art, wie das Grün heller wurde, dort, wo kleine knotige Gelenke waren und sich ein Blatt vom Stengel abhob. Ich sah den Flaum auf runden kleinen Rosettenblättchen, ich sah die Anordnung von Erdkrümeln zwischen den Pflanzen und die Abstufungen in ihrer Farbe, je nachdem, ob sie trocken oder feucht waren.

 

Und ich dachte, ich sagte mir flüsternd in meinem Kopf: „Du müsstest jeden Halm ansehen auf dieser Wiese, auf allen Wiesen, jeden Krümel Erde, den es gibt.

Jede Verzweigung aller Äste, aller Bäume.“

Ich weiss nicht wie klein oder wie gross ich war, aber ich weiß noch wie mein Kopf, zur Seite gelegt auf der Erde sich anfühlte.

Und die Wiese bestand plötzlich aus unzähligen, sich unterscheidenden Einzelheiten. Und jede müßte ich bewusst und aufmerksam betrachten. Nur so würde ich je die Welt verstehen.

Und ich wußte, es geht um alles, nicht nur um diese eine Wiese, sondern um alle Wiesen der Welt, um alle Wüsten und die Formationen, in die der Sand sich legt, je nach Wind, um alle Felsen und Abhänge, mit ihren Farben und Aufwerfungen und Gesteinsfalten und mit den Schatten darauf, die wandern über die Tage.

Und es geht um alle Schneeverwehungen, die sich bilden und wieder verschwinden, um jede Bewegung der Glieder aller Tiere und aller Menschen, die auf der Welt sind. Um alles. Ich müsste alles gesehen haben, um überhaupt etwas zu verstehen, dieser Gedanke blieb in meinem Kopf.

Jetzt war er wieder da, dieser Gedanke. Hätte ich doch keinen Rahmen gelegt um all das, kein Bild gemacht, nur hingeblickt und gedacht: „Zigarettenstummel, zerquetschte Erdbeere, Kies, Scharrspuren von Schuhen,“ dann wäre ich an der Oberfläche geblieben. Dann wäre mein Blick vielleicht nur weiter gewandert zu einem blauen Fetzen Papier und ich hätte gedacht: „Papier“ nur das.

Ich fasste den Kragen meines Mantels, und versuchte die Erdbeere, den Glanz, die Abstufungen des Rots, die Art, wie die Zigarette genau im richtigen Winkel da lag, genau so im Kopf zu behalten, während ich auf die Busstation zuging.

Ich wollte diesen Augen -Blick meins Lebens fassen, mit meinen Mitteln, mit Worten. Doch die Wörter fassen sie nicht, die Nuancen, die Farben. Sie sind Hüllen, die alles zudecken. Ich schreibe „Erdbeere“ und diese ganz einzigartige Form, das feuchte Schimmern des zerquetschten Fleisches ist gar nicht da. Mit Worten ist nichts zu halten, nichts von der Wirklichkeit. Aber auch die Bilder im Kopf sind nicht zu halten, sie verändern sich, sie verblassen, wie die japanische Dame auf dem Holzschnitt, die an der Wand in meinem Wohnzimmer zu viele Jahre in der Sonne hing.

Trauer über die Bilder, die vergehen wie die Jahre.

Trauer, denn ich bin immer noch das Kind, das auf der Erde liegt (vielleicht bin ich damals hingefallen und der Schlag auf den Kopf, den ich erlitt, hat dieses Kippen der Wahrnehmung verursacht) das Kind, das plötzlich weiss, dass ihm nicht die Zeit vergönnt sein wird , um alle Grashalme dieser einen Wiese, alle Grashalme der Welt gründlich zu betrachten. Alle Grashalme, alle Fische, alle Steine und alle sich verzweigenden Wurzeln unter der Erde. Alles.