22. März. 2016

Tulpen, diese Eleganz, gelbe, weisse, rosafarbene habe ich vor zwei Tagen im Supermarkt gekauft. Aktion, 10 Stück für 3Fr 45! dieser Preis! freue ich mich? Spare Geld, bin glücklich darüber, wie das die Reklame mir verspricht? Zwei superdünne Gummis um die schön gleichmässig geschnittenen Stiele geknüpft, Papier drum gelegt. Wer hat das gemacht, superschnell, geschickt, am riesigen Tisch, vielleicht am Fliessband. Herkunftsort Niederlande. Die riesigen gleichfarbigen Tulpenfelder dort. Die riesige Börse, wo die Blumen gesteigert werden. Ein Stundenlohn fürs Verpacken? Wie viele gleichförmige Bewegungen pro Stunde braucht es dafür, wie viele Sträusse verpackt, in Schachteln gelegt?

Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren war ich da, schrieb eine Reportage, gross abgedruckt in einer der grössten Schweizer Zeitungen, zum Muttertag! Blumen schenkt man den Frauen, am Muttertag, am Geburtstag, wenn man sich bei ihnen bedanken will. Mein Banker hat mir jetzt auch Tulpen geschickt. Ein bisschen edlere als die aus dem Supermarkt. Zum Frühlingsanfang!  Dazu eine Karte: „In den kleinsten Dingen zeigt die Natur ihre allergrössten Wunder“ Carl von Linné. Von Hand geschrieben! Schön tönt das. Gut gefunden in einem Verzeichnis für Zitate. So gebildet ist er also, dieser Zahlenmann, und dazu  „Natur“ von Fleurop hergeschickt! Nicht die   „kleinsten Dinge“ sind das wohl, die Carl von Linne gemeint hat. Oder entdeckt mein Bänker sie wie Linne auch jeden Tag? Die winzige Spinne, die sich in seiner Designerwohnung plötzlichem am seidenen Faden von der Decke herunterlässt? Die weissen Blümchen an einer sogenannten „Unkraut“-Pflanze, die zwischen den Pflastersteinen an der Strasse vor der Bank von Arbeitern der Stadt ausgerissen oder weggesprüht wird. Natur?

Auch damals schon, in Holland, als wir der Blumenproduktion nachgingen, zu beschreiben suchten, was sich da tat, hatte das gar nichts damit zu tun.  Tausendfach geklonte Pflänzchen in den Töpfen, von Laborantinnen in Weiss in Petrischalen vermehrt. Manipulierte Tageslängen und Temperaturen in Gewächshäusern, damit die Frühlingsblumen vor dem Frühling, die Herbststräusse schon ende August in den Blumenläden angeboten werden konnten. Eigentlich würde ich gern jetzt wieder recherchieren, was sich seither geändert, weiter entwickelt hat. Die Löhne der Arbeiterinnen vielleicht ? Ihre Herkunft jetzt? ( aus Osteuropa und Ländern des Südens?) Die Klonverfahren in den Labors vielleicht mit Computern  ausgeführt. Und nicht nur Schnittrosen und Usambara-Veilchen  aus der dritten Welt hergeflogen,  sondern die seltensten Orchideen aus den Regenwäldern in künstlichem Klima am Leben erhalten: Die Natur in den kleinsten Dingen!? Durch die ganze Welt in riesigen Containern über die Meere, in Flotten von Lastwagen über Autobahnen gekarrt. Wo sieht mein Banker diese kleinen Dinge? In den Stunden im Büro, das ich vor ein paar Jahren schon so steril und langweilig empfand. Aber das ist ja jetzt nicht mehr so! Denn schon ist der Bürokomplex wieder von Grund auf neu gestaltet. Mit mehr Natur? Nach Carl von Linné?