An diesem Tag 22.2.17

Heute sind plötzlich die Schneeglöckchen in voller Blüte. Und eine Kohlmeise habe ich vorgestern ihr ewiges DiDa schmettern gehört. Kein Vogelton heute: Kommen die Mönchsgrasmücken noch, die in den letzten Jahren den Garten mit ihrem melodiösen Gesang erfüllten. Oder ist das schon länger her?  jetzt höre ich nur das hohe Plaudern meines Hahns, der die zwei Hennen herbeiruft, weil es Körner gibt. Wie habe ich mich diesen Winter nach Wärme gesehnt, draussen bei Minusgraden auf einem Pferd oder zu Fuss am See. Wenn man alt ist, sagt man, wie ich es bin, gehen die Tage schneller vorbei. Aber diesen Winter hatte ich nicht den Eindruck. Die Welt war verändert, kalt, wurde zunehmend unsicher. Habe ich sie als Kind wirklich als sicher empfunden?Oder doch nicht, denn ich erinnere mich, dass ich mit drei oder vier mir vornahm, wenn ich erwachsen sein würde, würde ich den Hitler in Deutschland erschiessen.

Und jetzt, gestern, heute? Alles ist wie sonst in meiner Umgebung. Volle Supermärkte, dichte Trauben von gut gekleideten Menschen am See und auf dem jetzt so schönen Platz am Bellevue, wo die Autos nun verbannt sind, kein schütterer Rasen mehr, sondern ein edler Steinboden und frei verfügbare Stühle darauf. Für die Pferde am Sechseläuten wird dann eigens weicher Boden aufgeschüttet, für die Tournee des Zirkus Knie sind die Löcher genau vorgesehen, wo die Seile des Zelts hingespannt werden. auch da also immer, oder mehr als früher, eine heile, freundliche Welt, in der alles funktioniert. Doch jetzt, erst jetzt? traue ich allem nicht mehr. Abgeschüttelt endgültig diese Konditionierung,  die mich seit meiner Kindheit erfüllte, die, die ich mit meinem Intellekt zwar immer bekämpfte, die Art, wie ich die Welt wahrnahm, ein Leben lang. Mit diesem seltsamen dummen Vertrauen in alle, in die da oben, die auch langsam alles besser machen würden, in die da unten, die wie ich, versuchten, zu überzeugen, zu argumentieren, selbst das Beste zu machen….sogar sich zu überlegen, wo hin man die Orangenschalen wegwerfen würde, damit es passte, wann man heute doch das Auto benutzen könnte oder nicht, weil es auch anders gehen würde. All diese Gedanken und kleinen Aktionen, die Sicherheit gaben. Und weil ich nie hungerte, immer gesund war, eine sichere Unterkunft und in meinem Land, eine stabile politische Situation kannte, weil kein unberechenbarer  Diktator wütete und man nicht ums Leben fürchten musste, wenn man auf die Strasse ging, Widerstand leistete, oder, wie ich, gar kritische Artikel veröffentlichte, war ich so sicher. Alles würde gut werden, dachte ich vielleicht nicht wörtlich, aber glaubte es irgendwie.

Aber heute  traue ich ihnen nicht mehr, ich traue gar nicht mehr. Ich frage mich, warum ich fast bis jetzt immer im Hintergrund doch auch wenn ich alles sah und hörte, irgendwo doch traute. Ach, waltete da in meinem Unterbewusstsein noch der“liebe Gott“? Den ich doch schon bevor ich zwanzig war, der Gott der scheinbar alles lenkte, verworfen hatte? Irgendwo war dieses Gefühl doch immer noch da.

Ich habe zwar doch immer an den Tod gedacht, mit ihm, schon als ich jung und gesund war, gelebt, ihn akzeptiert als ein Teil des Lebens. Die obersten, die Fleischesser in der Pyramide der Ökosysteme haben mich immer besonders fasziniert: Die Wölfe, die Löwen, und all die anderen Jäger, mit ihren wunderbar geschickten Körpern, mit ihrer  der Menschen vergleichbaren Intelligenz.

Die Welt, wie ich sie wahrnehme, ein riesiger runder Raum, am Rand, im Augenwinkel all die Wesen, die nicht menschlichen, die gemusterten Käfer, die schillernden schwebenden Insekten, von deren wunderbaren Fülle und Variation ich kaum eine Ahnung habe, all die eleganten Säugetiere mit ihren Körpern, zum Sprung gespannt, mit zitternden Schnurrhaaren mit gemusterten Fellen wie die Schatten im Laub des Dschungels. all die verborgenen Tiere, die in einer Nische mit überraschenden Strategien das Leben meistern. All die glänzenden Lurche, alle Ahnungen, alles Wissen von der Vielfalt die verschwimmt zu einem riesigen Schauspiel, zu einem unendlichen Bild voller Winzigkeiten, denen ich mich nähern möchte, wenn ich nur könnte und die immer grösser würden dann, immer überbordender von Farben, Bewegungen und Konturen…das Leben.

Doch nun ist nur die Zerstörung überall!  Ich hab sie in den letzten Jahrzehnten wahrgenommen. Schleichend erst, jetzt sich beschleunigend, der Strom des Lebens immer schneller dem Abgrund entgegen jagend. Die  Natur, die anderen Lebewesen, verdrängt und ausgerottet. Schönheit in den Medien immer beeindruckender, immer farbiger. Dafür all das, von dem unsere Vorfahren nichts wussten und das es doch damals noch in Fülle gab, am Verschwinden, am Zurückweichen vor der Macht der Ausbeutung, der Rücksichtslosigkeit eines einzigen Säugetiers, des Menschen .  Weil ich mehr weiss, sehe was da ist, da wäre, was jetzt am Verschwinden ist, machte es mich traurig und wütend. Aber die Wut brachte mich auch dazu, buchstäblich zu wüten, zu argumentieren, zu schreiben, zu spenden, zu missionieren. Ich dachte an die Gesichter der Löwinnen, die ich gesehen hatte in Wirklichkeit, aber auch an all die andern Gesichter, die mir zugetragen wurden, und werden, all diese Filme und Bilder, diese Fülle, die jetzt plötzlich da ist, obschon genau jetzt, da sie auf den Bildschirm gebannt in wunderbarer Vielfalt zu sehen sind, ihre Zerstörung, ihre Ausrottung, ihr Sterben in ausgetrockneten Kahlschlägen immer schneller vor sich geht. Die Orang Utan Mutter und die Augen ihres Kindes, die über ihrem Arm mich ansehen. Augen wie sie in anderer Farbe meine winzige Enkelin hat, derselbe Ausdruck, dieselbe Neugier und dieselbe Frage darin. Das  Waldmenschlein mit den flaumigen Orange ums Gesicht, meine winzige Enkelin mit einem blau, einem rosa, einem zarten weiss. Und dieser Ausdruck in ihren Augen, die Frage und die Neugier!

 

wollte ich einen Text mit dem Titel „dieses Zeitalter“ schreiben, wie ich mich fühle, wie ich wahrnehme, was um mich, was in der Welt geschickt? Daran habe ich in der letzten zeit oft gedacht. Mein Zeitalter, in dem ich lebe. Nach all den andern, als meine vorfahren jagten wie die grossen Raubtiere, als sie anfingen alles zu zähmen, die Pflanzen und die Tiere, als sie Götter erfanden, sich vor Ungeheuern fürchteten, alls die die schellen Werkzeuge und Warn erfanden und benutzten  um alles da draussen zu bekämpfen, oder sich zu nutze zu machen, auszubeuten, zu zerstören, weil man es fürchtete oder verabscheute, veränderte, bis es diente und den Reichtum äufnete.

Was ist es denn, dass ich und etliche andere Menschen die Welt so anders sehen, als alle, die vor uns lebten, als viele Zeitgenossen auch heute noch?

 

Ich wollte es tun, ich schaffe es nicht, in Wörter zu fassen, was um mich die Welt ist. In Wörter zu fassen in einem text, an den ich seit Tagen, seit Wochen denke und den ich betiteln würde: das Zeitalter, indem ich lebe. Das Zeitalter, dieses wort und es macht, wie alle Wörter immer das, was es was jedes wort erfassen will, klein und einfach, nur ein winziger Splitter von dem, was ist.