7. Juni 2016

Er packte einen Stengel und schob ihn in den Mund: wilde Hopfen, sagte er, das ist eine Heilpflanze! Und das kann man essen. Auch den Namen der gelben Blume nannte er. Auf englisch, denn das ist die Sprache, in der wir uns verständigen können – er spricht rumänisch, – ich habe einige der wunderbar blühenden Gewächse in dieser Wiese nur auf Deutsch im Kopf. Aber er benennt jedes und so scheint es, isst auch jedes Kraut, von den wilden Stiefmütterchen (leicht zu erkennen auch für mich) bis zu den Kornraden, die ich fast nur aus poetischen Beschreibungen kannte und die hier mit ihrem zarten Rosa das Blau und Weiss, das Gelb und Purpurrot ergänzen.  Einen ganzen Tag bin ich mit einem Botaniker unterwegs, der für seine Doktorarbeit die Inventarisierung dieser wilden Wiesenpflanzen erarbeitet hat; sie  wissenschaftlich nach Inhaltsstoffen untersucht und ihre Verwendung nach alten Traditionen gesammelt und geordnet hat. Wir sind in den Wiesen unterwegs in den Karpaten. Ein Reichtum immer noch hier, ein Reichtum, den wir in Westeuropa – und besonders in der engen Schweiz an eine intensivere Landwirtschaft, an schwere Maschinen,  Düngung und Pflanzenschutzmittel verloren haben.

Diese Blumenwiesen hat meine Mutter als Kind im Luzerner Land erlebt. Auf dem dreistündigen Fussmarsch von Hochdorf nach Luzern. Nach diesen Wiesen, den bunten Blumen, den Schmetterlingen, die dazwischen umherflatterten, dem Sirren der Grillen, hat sie sich später immer gesehnt. Ich wusste damals noch nicht, wovon sie eigentlich sprach. Im Bernerland mit den stattlichen Bauernhöfen schien mir doch, die grossen, sattgrünen Wiesen gehörten seit jeher dazu Und die einheitlich gelben Kornfelder, wo es damals vielleicht noch da und dort am Rand ein paar blaue und rote Punkte gab, die paar Mohn-und Kornblumen, die die Modernisierung überlebt hatten.  Nur wenn wir in den Fünfziger Jahren Bergferien machten, war das so anders: bunte Blumenwiesen  um die Bauernhöfe, die mit der Sense gemäht wurden. Wo wir auch mit Rechen und Gabel an den steilen Hängen mithelfen durften.

In den Neunziger Jahren fand ich das alles dann wieder auf den sanften Hügeln vor den riesigen Urwäldern an den Hängen der Karpaten. Ich besuchte die Biologen, die damals, nach der Wende und dem Ende des Diktators begonnen hatten, Wölfe und Bären zu erforschen, die es da gab. Es gibt sie immer noch, vor allem in den Urwäldern, die im Kommunismus geschützt waren, und erst jetzt durch Kahlschlag gefährdet sind. Geschützt waren sie vor allem, weil Ceacescu die grössten Bären selber abschiessen wollte.

Seither war ich immer wieder mal zu Besuch da. Die zwei Forscher sind geblieben, haben eine Familie gegründet, einen Preis der EU für ihre Arbeit – die Forschung und den Einsatz für die Menschen dort- bekommen. Einen Berieb für Oekotourismus haben sie aufgebaut, und damit den Menschen gezeigt, dass sie so die wunderbare Natur nutzen können, ohne sie auszubeuten. Inzwischen ist dieses Unternehmen weltweit beliebt als Ferienziel zum Reiten, Wandern, Wild beobachten.

Seit ein paar Jahren sind die beiden Biologen aber auch voll damit beschäftigt, für den Naturschutz im grossen Stil zu arbeiten. 20o4, als sie erwogen, wieder nach Deutschland zu ziehen, der Kinder wegen, da redeten wir an meinem letzten Abend davon, dass es doch nötig wäre, einen Teil der schönsten Gebiete hier für immer zu schützen. Ein vager Plan, der sich, in den Jahren seither zu einem interessanten Projektentwickelte. Es  wurden und werden Wälder angekauft, um ein zusammenhängendes Schutzgebiet, einen es zukünftigen Nationalpark, zu kreieren. Die Fundatia Conservatio Carpatia(FCC) soll so viel wie möglich erhalten, was diese Gegend zu einer Perle Europas macht. Nicht nur die Wälder und ihre Vielfalt an Pflanzen und Tieren, sondern auch die grosse Biodiversität im Bauernland.

Die Landwirtschaft dort birgt, dank extensiver Bewirtschaftung eine grosse Biodiversität, so wie sie auch in Mitteleuropa und in der Schweiz vor ein paar Jahrzehnten noch vorherrschte. Hier gibt es kleine Höfe, die so bewirtschaftet werden, wie es seit tausend Jahren in ganz Europa vorherrschend war. Bevor es Landwirtschafts-Maschinen, Kunstdünger und chemische Pflanzenschutzmittel gab. Auf Wiesen wie dieser, wo mir der Botaniker die einzelnen Blüten zeigt, wo die Schmetterlinge um uns herumgaukeln und die Grillen zirpen im Gras, bin ich jedesmal fasziniert vn der Schönheit um mich her.  Und weil ich weiss, wie gross die Vielfalt an Pflanzen und Tieren hier noch ist. So wie sie eine wissenschaftliche Biodiversitäts – Studie vor ein par Jahren aufzeigte. Die Bauern allerdings waren arm hier, die Arbeit hart, und nun zeichnet sich der Wandel ab. Junge Leute verlassen die Dörfer, gehen ins Ausland, in die Stadt, weil sie keine Zukunft sehen.

Wälder werden an Holzfirmen verkauft, Tiere gewildert. Doch die Aktivitäten der Stiftung zeigen, dass  Naturschutz auch Stellen schafft, dass Oekotourismus Geld ins Land bringt. Schon arbeiten viele Einheimische für die Stiftung, die von Mäzenen aus der ganzen Welt gefördert wird, und natürlich auch von der EU, die solche Initiativen in ihren Mitgliedsländern unterstützt. Ein Teil der Wunderwelt wird erhalten bleiben, denn die Bevölkerung in ganz Europa soll doch auch in Zukunft Schönheit und Wunder der Natur erleben können.