18. Mai 2016

Säugetier Mensch

So liegt er, schläft vielleicht, ein Mensch, ein Kaninchen, ein Hase? Alle in einem Körper, wunderbar plastisch gemalt in einem runden Bild, so als würde man durch ein Loch in einer Wand auf dieses Wesen schauen. Ein Wesen voll Eleganz, Weichheit, Körperlichkeit. Der chinesische Künstler Shao Fan hat dieses Bild gemalt, gegenwärtig ausgestellt im Rahmen der Ausstellung  „Chinese Wispers“ in Bern. (Kunstwerke aus der Sammlung Ueli Sigg). Diese Verwandtschaft fasziniert den Maler. Auch in dem Porträt „Grandmother Rabbitt“ ist sie offensichtlich. Und diese Nähe drückt er auch in seinem Porträt eines Affen aus, mit dem man als Betrachter in einen stummen Dialog tritt.

„Zwischen Menschen und Tieren gibt es keine Hierarchie mehr“ sagt der 1964 geborene Künstler im Interview. „Tiere sind eigenständige Persönlichkeiten. Wir bringen ihnen Achtung entgegen und blicken nicht auf sie herab. In der traditionellen chinesischen Kultur sind die Menschen nicht die Beherrscher der Natur, sondern ein Teil von ihr.“ Und er verweist auf Konfuzius, der betonte, dass Menschen wie Tiere werden sollten, nämlich bescheiden wie sie.

Ich lese gleichzeitig in einer „Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift“ (von Herrmann Parzinger. CH. Beck). Und darin über diese grosse Umwälzung ein paar Jahrtausende vor dem Beginn unserer Zeitrechnung. Damals als die Menschen den Ackerbau entdeckten, und anfingen, Pflanzen und Tiere zu züchten, zu verändern. Von  da an unterscheiden sie sich ( wir  uns!) grundsätzlich von allen anderen  Lebewesen. Denn nur der Mensch wollte mehr als Tiere jagen und Pflanzen sammeln, mehr als zu überleben. Menschen begannen Besitz anzuhäufen, die Welt  grundsätzlich zu verändern. Schreckliches geschah: Krieg und Ausbeutung, Zerstörung der Natur; das beunruhigt uns heute. Wunderbares aber auch schaffte das Säugetier Mensch: Kunst und vielfältigste Kulturen entwickelten sich. Nicht nur Shao Fan, auch etliche chinesische Künstler und Künstlerinnen, deren Werke in Bern zu sehen sind, wie etwa Charwei Tsan oder Li Shan, setzen sich mit chinesischer Tradition und der aktuellen Thematik des Verhältnisses zwischen Mensch und Natur auseinander.

Das Gefühl, das auch mich umtreibt, die Gedanken, die mich beschäftigen, scheinen weltweit in der Luft zu liegen. Gespeist auch durch die vielfältigsten Möglichkeiten, dank denen Technik und Informatik die Forschung veränderten; so dass sie erstaunlichste Erkenntnisse über das Sozialleben, die Gefühle, das Denken von Tieren etwa wie Delphinen und Elefanten liefern, und uns über die faszinierende Lebensweise von winzigsten Insekten, Zugvögeln und der Symbiose von Bäumen und Pilzen aufklären.

Plötzlich ist da eine Welt voller Schönheit und Wunder, voller Leben und Empfindung. Jetzt diese Wahrnehmung in einer Epoche, da all das gefährdet scheint. Welche Ironie!

Von einer Freundin erhielt ich kürzlich die „Tierwelt“. Darin ein Artikel über Blattläuse. “ Sie zählen zu den erstaunlichsten Insekten der Welt“ heisst es da; und statt Anleitungen zur Bekämpfung, findet man die Anregung, sie zu züchten und  auf dem Fensterbrett zu beobachten.

Am gleichen Tag im Internet ein Aufruf an die Millionen kritischen Menschen weltweit, einen Protest zu unterstützen gegen  das Hundefleisch-Festival in Yulin, China,  an dem Hunde zur Unterhaltung zu Tode geprügelt und bei lebendigem Leibe gehäutet werden, um sie nachher zu essen.

Beides ist da. Nicht nur in China, überall wo Menschen sind.