19. März 2016

Anders anziehen muss ich sie, die Schuhe. Oder eine andere Hose, die am Gummiband, die sie nach unten festhält, keine Knöpfe hat. Denn das schmerzt, wenn der harte Knopf auf dem Knöchel drückt. Ich habe die Wahl. Andere Hosen, oder den Knopf wegschneiden. Andere Schuhe vielleicht. Plötzlich dieser Gedanke: Ich würde mit den Tausenden auf der Balkanroute laufen. Meinen Rucksack mit dem Nötigsten wäre in den Fluten des Mittelmeers versunken. Und hier dieser Schlamm, weil es tagelang geregnet hat. Auch das wollene Halstuch, das ich nie ausgezogen habe, ist schwer vor Nässe und wärmt nicht mehr. Und dieser Knopf drückt denn ganzen Tag am rechten Fuss auf den Knöchel. Habs versucht, den Schuh anders zu binden, lockerer. Bin dann auf die Schnürenkel getreten und fast umgefallen. Folter, dieser Schmerz, den ganzen Tag. Auch wenn ich mich hinsetzen kann und den Schuh ausziehe, tut es weiter weh. Und wer weiss, ob wir heute wieder in dem Lager landen, wo wir schon einmal waren, wo es nicht genug Platz für alle hat,: Wo ich das schmale Bett- wenigstens war es trocken da – mit zwei anderen Frauen teilen musste.
Aber ich lebe ja in der Schweiz, habe die Wahl.
Ein Knopf am falschen Ort im Schuh, der auf den Knöchel drückt, ist wie Folter. So foltert das Regime Assad jeden Tag die Gefangenen. Kein Platz, um sich hinzulegen in der Zelle. Die ganze Nacht grelles Licht. Fünf Gefangene, die einander fremd sind, und nur eine Liege. Oder allein in einer Kiste, in der man nicht mal die Beine ausstrecken kann. Und nie Tageslicht. Da sind Elektroschocks und Schläge als Zugabe gar nicht so wichtig.
Ein Tag lang dieser Schmerz am Knöchel bei jedem Schritt wär schon zu viel. Wär schrecklich, wenn ich nur diese Hose hätte, nur diese Schuhe, den Knopf bei jedem Schritt auf den Knöchel drückend, bis die Haut blutig durchgescheuert ist. Und weiter laufen, weiter laufen für ein besseres Leben irgendwo ein paar hundert Kilometer weiter weg im Norden.
Im Bus eine Stunde später, schweigen alle. Bedrückte, besorgte Gesichter, ernste Mienen gerunzelte Stirnen. Nur eine Mutter unterhält sich leise mit ihrem kleinen Kind. Sie haben alle, so hoffe ich, keinen scheuernden harten Knopf im Schuh. Aber sie sorgen sich, glaube ich doch! worüber?