18. April 2016

Da springt mir ein Buchrücken in meinem überbordenden ungeordneten Büchergestell in die Augen: “ Das Antlitz der Maja!“ Und schon steht sie vor mir. Das rote bodenlange handgewebte Kleid aus Chiapas, wo sie in den Indianer-Dörfern jeweils wie eine Königin empfangen wurde: Die Gertrude aus dem Berner Oberland. Und da steht auch mein Sohn, ungefähr 10 0der 12 ist er. Hat ein paar Freunde aus der Klasse mitgebracht. Denn wenn der „Christbaum“ da ist: Die alte Frau mit den übergrossen Fingerringen, dem Ohrgehänge, den schweren Ketten und Gürtel aus Silber – Indianderschmuck – ist sie eine Sensation. So Zufälligkeiten wie dieses Buch, von dem ich nicht mehr wusste, ob es noch da war, bringen mir Personen und farbige Geschichten aus meinem Leben zurück. Gertrude Dübi-Blom war so alt wie das Jahrhundert. 1901 als Pfarrerstochter in Wimmis, Berner Oberland, geboren, ging sie nach Deutschland, als die Nazis dort die Macht übernahmen. Heiratete einen Deutschen. Dort versuchte sie mit ihren Freunden Hitlers Diktatur erst zu verhindern und dann zu bekämpfen. Sie wurde gefasst, sass in Deutschland im Gefängnis, und weil sie die Schweizer Staatsbürgerschaft verloren hatte, konnte sie nicht mehr in die Heimat zurück.
1942 nahm Mexico von den Nazis Verfolgte auf. Sie floh dorthin, reiste in den Süden, und schloss sich gleich einer der ersten Expeditionen in den Regenwald von Chiapas an. Zu Pferd natürlich, anders kam man da nicht voran. Und nur deswegen sollte sie ein Leben lang reiten. Ihr letztes Pferd starb nur ein paar Monate vor ihr. In de Achtzigern sorgten Freunde dafür, dass sie im Sommer ein paar Monate in der Schweiz – auch in unserem Haus – verbringen konnte. Und da natürlich zeigte sie meinem Sohn, dass sie nicht nur auf Berndeutsch, sondern auch auf Spanisch und Englisch fluchen konnte. Er fand das toll, lernte die einschlägigen Wörter von ihr. Ich habe kaum je eine Frau so deftig fluchen gehört. Mein Sohn verstand vielleicht so halbwegs schon, wem ihr Zorn galt: Denen, die den Wald zerstörten, die Natur, nicht nur in Chiapas, überall auf der Welt. Denen, die die Indianer dafür gewannen, ihn für Segnungen der Zivilisation zu verhökern. Den Wald, die Schönheit der Dörfer, der verschiedensten Kulturen in ihrer Nachbarschaft wollte sie retten. Doch allmählich musste sie einsehen, dass das nicht gelingen konnte. In Spanisch, Englisch und im Berner Dialekt herrschte sie beim Mittagessen Gäste und Wissenschafter an, in ihrem grossen Haus in San Cristobal, wo sie zu oberst an der grossen Tafel Hof hielt. Und die amerikanischen Ethnologen, Biologen und Journalisten duckten sich, wenn sie ihre Befehle und Kommentare durchgab. Nur mein Partner durfte als ihr Leibarzt, fast unbehelligt neben ihr sitzen. Auch für ihren zweiten Mann, den dänischen Archäologen, den sie im Urwald getroffen hatte, den Entdecker der Tempel von Palenque, fand sie nicht nur gute Worte. Im Garten der Hazienda, die sie zusammen mit ihm mit wertvollen Funden und tausenden von ihren Fotos, Aufzeichnungen und wissenschaftlichen Dokumenten gefüllt hatte, zeigte sie auf die Gartenbeet- Umrandungen aus umgekehrten leeren Flaschen und sagte: „Der Franz isch e Blöde gsi, är het zech z’Tod gsoffe“

Sie hat mehrere wunderbare Fotobücher gemacht, wie dies, dem ich plötzlich wieder begegnet bin. Mit einem einfachen Apparat hat sie über Jahre das Leben in den Dörfern, die Kultur der Lacandonen, ein Majavolk, die Natur und ihre Veränderungen aufgenommen. Noch mit Achtzig verschenkte sie aus ihrer Baumschule Setzlinge, um den zerstörten Wald wieder aufzuforsten. Sie hat für ihr Engagement für die Natur und ihr fotografisches Werk etliche Preise gewonnen, und ihr Haus ist als Museum erhalten geblieben. Aber im Alter war sie doch depressiv und verbittert, weil sie sah, wie sich alles veränderte.
Die grösste Ehre erhielt sie aber nach ihrem Tod: für sie wurde – das ist so üblich bei Begäbnissen in ihrer Wahlheimat – ein besonders grosses, langandauerndes farbenfrohes Feuerwerk abgebrannt!