12. April 2016

Meine Grossmutter trug als junge Frau sicher Korsetts, gemacht aus den Barten vom Grönlandwal. Mein Grossvater schrieb seine Heldenballaden, Festspiele und die Liebesgedichte an meine schöne schlanke Grossmutter beim Licht einer Öllampe, damals, als noch fast niemand Strom im Haus hatte. Sicher leuchtete auch das Oel des Grönlandwals, wenn Mozart seine Symphonien komponierte und die Revolutionäre in Frankreich ihre Pamphlete und Todesurteile verfassten. Sie wussten wahrscheinlich nicht einmal, wo Grönland liegt. Die grossen Firmen lieferten es an die Händler, bei denen man es kaufte.  Und dass die Walfangfirmen, damals schon grosse Konzerne, unerbittlich die Riesentiere „ernteten“, bis im 20. Jahrhundert nur ein winziger Rest der Population übrig blieb, wusste auch meine Mutter sicher nicht, die damals Margarine und Pflegemittel für Fussböden und Möbel benutzte. 1938 wurde der Grönlandwal endlich unter Schutz gestellt. So wichen die grossen Walfangfirmen  einfach auf andere Walarten aus.  Jetzt hätte sich der Grönlandwal erholen können. Aber die Populationen sind immer noch klein, jetzt auch gequält durch die vielen neuen lauten Geräusche von Explosionen unter Wasser, der Zunahme der Schifffahrt durch die eisfreien Gewässer. Ein Tier, das eine Lebenserwartung von 200 Jahren hat,  und sich erst mit 24 Jahren  fortpflanzen kann und, weil es so riesig ist, keine Feinde hat. Nur den Menschen.
Ich weiss das erst jetzt, eine wunderbare Dokumentation brachte mir dieses sanfte Tier näher, ein Säugetier wie ich, das gesellig ist, spielerisch, vielfältige Gesänge beherrscht. ..heute macht er sogar Polizeisirenen nach…. und nur winziges Plankton frisst, kein Jäger wie der viel kleinere Orca. Der Grönlandwal hat über Jahrhunderte die Wirtschaft ganz Europas angeheizt, so wie andere Tiere auch. Wie jetzt die Elefanten in Afrika den blühenden Schmuggel der kriegerisch ausgerüsteten Wilderer, und den Handel in Vietnam, China, den sie vielleicht nicht überleben werden.

Andere Tiere sind wieder auf der sicheren Seite: Wie die Dreizehenmöven, die ich 2007 auf einer Reise nach Grönland und Spitzbergen beobachtete, zu Tausenden sassen sie wieder auf ihren Nestern an den Felsen. Sie haben sich schnell wieder, von gnadenloser Dezimierung erholt, weil sie jedes Jahr Nachwuchs haben. Und weil  die Mode in Europa schon anfangs 20. Jahrhundert sich änderte. Jetzt sind sie wieder erfolgreich, weil nicht mehr Millionen modebewusste Damen – sicher auch meine Grossmutter – als Schmuck auf dem grossen Hut, die Flügel der Dreizehenmöven tragen.