29. Juli 2016

Ein Mensch, eine Frau oder ein Mann, jung,  alt, denken das manchmal: “ Wenn es nicht mehr geht….“wenn ich es nicht aushalte…“ „wenn er nicht zu mir zurückkommt….“wenn…. bringe ich mich um.“   gesagt für sich nur, doch leichtfertig?  doch immer wieder, irgendwann. Noch nicht so schwer von Schicksal, von Traurigkeit. Jetzt noch nicht.  Nur eine Geste in Richtung Flucht, Protest vielleicht gegen die Enge des Lebens, der Angst vor Unausweichlichem, dem Protest dagegen.

Sie  geht die Treppe hoch, eine Holztreppe. Das hat sie schon seit Jahrzehnten getan. Immer dieselbe Treppe. An das gedacht, was sie oben will. Manchmal auch zögernden Schrittes,  gedacht, was sie tun müsste, und nicht tun kann, nicht mehr. Weil eine  Leere sie hindert, Gefühle, die schal sind wie halbverfaulte Früchte.  Die „ich bringe mich um“ Wörter, ein Satz, der auch nicht der eigene ist, es gar nie war, ein Satz aus fremden Geschichten, aus fremden Befindlichkeiten. Nicht mal das, die eigene Trauer gehört Dir. Langsam gehen, nicht entschlossen das Ziel anstreben da oben. Draussen ist der Sommer, der See.  Es wäre leicht, ins Wasser zu gehen, weit, weit hinauszuschwimmen und einfach zu verschwinden.

Sie hat die ganzen Jahre tausendmal auf die Stufen geblickt und sie wegen all der Gedanken, dem Ziel im Kopf, dem Nachklingen von Worten , nie wirklich gesehen. Einfach Holz, uralt die Treppe, das Haus…..Doch, an diesem Tag,  plötzlich, bleibt ihr Blick hängen an den Mustern im Holz, den Linien, die das Leben des Baumes damals gezeichnet hat. Wie die Spuren eines Tropfens im Wasser, das elegante Aquarell der Natur. Die dunklen runden Zeichen, da wo die Arme des Baumes, die Aeste  ansetzten. Schattierungen von hellem Braun, das ins Dunklere übergeht. Keine Linie gleich wie die andere, Windungen die das Leben gezeichnet hat. Bis zum Tod dieses Baumes vor einem Jahrhundert. Schön… denkt sie das? Mit diesem Wort? Nein, es ist ein Gefühl, eine Erkenntnis, die Lust an einer Entdeckung.: Auch da, wo man hintritt und nicht hinschaut über Jahrzehnte tut sich auf einmal etwas auf: Der Blick auf die Welt, auf die Schönheit überall, auf die Bewegungen des Lebens, die Spuren davon.

Das, diesen Blick will sie nicht missen, nie, so lange es geht. Nicht all die Blicke auf all die Dinge der Welt. Und die Gedanken dazu.

Diesen Blick auf die Maserung von Holz, auf die Anordnung der Steinchen auf  einem Weg vor dem Haus, das zerknüllte Papier neben einem welken Blatt. Jemand hat es mit seinen Fingern zusammengedrückt. Finger mit Nägeln, den Falten auf den Gelenken, vielleicht ein Zittern, weil er alt ist oder die Geschmeidigkeit, die er  hat, weil er jung ist.  Ein Ahnung, weshalb er den Wisch weggeworfen hat.

All diese Geschichten, die einen schwindeln lassen, schwindeln, weil so viel geschieht, zum Beispiel da hinter dem Fenster des Hauses, das jenseits der Strasse im Wind auf und zu schlägt. Die Worte , die heute dort gewechselt wurden. Und damals auf der Wiese, als dieses Haus noch nicht stand. Die Heuschrecke, die dort an einem Halm sich hoch hangelte. Sich vorstellen, wie sie sich fühlte in der Luft, die Beine gestreckt, die Anspannung in den Muskeln der winzigen Oberschenkel. Und ein Vogel, der drei Sprünge später sie in der Luft erhaschte, die herzhafte Kraft der Nahrung für seine Jungen.

Und all das, was da war, als dieses Holz noch nicht Treppe war, das Holz in einem Baum, der irgendwo wuchs, in einem fremden Wald, in einem fremden Land, der knarrend umstürzte, während der Wind noch eine wundersame schwebende Bewegung in seinen Blättern schuf.

Die Welt, die Zeit, die Lebewesen, die Steine, die Schönheit und die Verzweiflung darüber, dass nur der winzigste Teil von allem für uns da ist.

Von dieser umwerfenden Vielfalt des Lebens. Das plötzlich zu Ende ist.

Kein Blick mehr, kein Gefühl mehr, keine Wärme, Kälte und fächelnde Luft, kein Augenblick wie dieser, da plötzlich ein winziger Teil der Welt erscheint, im Bewusstsein ist. Ein Augenblick des Glücks.